Longevity-Experte Gerd Wirtz: Wer faulenzt, verlängert seine Lebensspanne
Ständige Aktivität gilt als Zeichen von Produktivität und Vitalität. Doch tatsächlich hält uns ein Leben auf Vollgas nicht jung, sondern beschleunigt den Alterungsprozess .
Wer ohne Pause aktiv ist, bringt seinen Körper in einen dauerhaften Alarmzustand. Stresshormone wie Cortisol steigen, stille Entzündungen („Inflammaging“) breiten sich aus und erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Demenz.
Nichtstun ist kein Stillstand, sondern ein für unseren Körper ein hochaktiver Zustand. Sobald wir den Blick schweifen lassen oder in Gedanken versinken, springt das sogenannte Default Mode Network an. Dies ist ein Netzwerk im Gehirn, das Kreativität, Empathie und emotionale Stabilität stärkt.
US-Neurowissenschaftler Marcus Raichle hat diese Aktivität bereits 2001 erstmals beschrieben . Wer seinem Gehirn keine Leerlaufphasen gönnt, blockiert genau die Prozesse, die für Problemlösung, Erholung und seelische Ausgeglichenheit entscheidend sind.
Dr. Gerd Wirtz spezialisiert sich in seinen Publikationen und Podcasts als Neurophysiologe auf digitale Gesundheit und Longevity. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle .
Die wohl wichtigste Form des „produktiven Faulenzens“ ist Schlaf. Während wir ruhen, spült das glymphatische System Abfallstoffe aus dem Gehirn, Erinnerungen werden gefestigt, Zellen repariert.
Eine Arbeitsgruppe der University of Rochester konnte zeigen, dass dieser Reinigungsprozess vor neurodegenerativen Erkrankungen schützt. Wer dauerhaft weniger als sieben Stunden schläft, riskiert dagegen Herzkrankheiten , Übergewicht und Gedächtnisprobleme.
Viele nutzen Pausen, um Mails zu checken oder Serien zu streamen. Für das Gehirn macht das keinen Unterschied, denn es bleibt im Leistungsmodus. Deutlich wirksamer ist der Gang ins Grüne.
Japanische Studien zum Waldbaden zeigen: Bereits 20 Minuten im Wald senken den Cortisolspiegel. Längere Spaziergänge steigern weiterhin die Aktivität der natürlichen Killerzellen im Blut um bis zu 40 Prozent ( PMC ). Diese Zellen schützen vor Infektionen und Krebs. Natur ist also mehr als ein Stimmungsaufheller: Sie ist messbare Medizin.
Auch spielerische Aktivitäten gehören zum gesunden Nichtstun. Wer tanzt, bastelt, lacht oder schlicht seinen Gedanken freien Lauf lässt, aktiviert Gehirnregionen, die Entscheidungsfähigkeit und Problemlösung verbessern.
Sogar Sexualität zählt dazu: Forschende der Coventry University fanden heraus, dass regelmäßige sexuelle Aktivität die kognitive Leistungsfähigkeit älterer Menschen steigert. Faulenzen hat also viele Gesichter – und keines davon ist Zeitverschwendung.
Nichtstun bedeutet für viele einfach auf dem Sofa zu liegen. Aktives Erholen ist aber viel effektiver. Moderate Aktivität wie Spazierengehen, Schwimmen oder Yoga sorgt dafür, dass Blutdruck und Stoffwechsel im Gleichgewicht bleiben. Gleichzeitig wird das Gehirn in den Ruhephasen noch effizienter.
Viele Menschen scheitern daran, Nichtstun in ihren Alltag einzubauen, meist einfach weil sie es nie gelernt haben. Vier einfache Strategien helfen, die Kunst des Faulenzens zurückzuerobern:
Faulenzen ist aktive Gesundheitsvorsorge.
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