Anschlag auf Australiens Psyche: Der Traum vom eigenen Haus bekommt Risse
Es gibt Spannenderes in Sydney als den Vorort North Curl Curl, zu Stoßzeiten eine Stunde von der Innenstadt entfernt. Die einzige Bar betreibt der „Life Saving Club“, geöffnet freitags und sonntags ab fünf. Doch die Wellen, die sich vor dem Strand eineinhalb Meter auftürmen, machen den 4000-Einwohner-Ort zu einem der besten Surfreviere der Stadt.
Wer sich Mitte der Neunzigerjahre, als das bis dahin erschwingliche Sydney langsam teurer wurde, das Wohnen am fünf Kilometer entfernten legendären Manly Beach nicht mehr leisten konnte, der kam hierher und zahlte den vollen Kaufpreis, ohne Fragen zu stellen. Das sollte sich lohnen. Angetrieben von einer Steuerreform und den Olympischen Spielen begannen die Preise in North Curl Curl wie im restlichen Sydney zu steigen. Fast ununterbrochen drei Jahrzehnte lang, bis zum vergangenen Februar.
Das war der Monat, in dem in der Fay Street 11 in North Curl Curl ein hübsches, wenngleich nicht überkandideltes Häuschen einen Käufer fand. Der Bungalow mit drei Schlafzimmern und einem Bad ging bei einer der für Australien typischen Auktionen direkt auf der Straße für 3,48 Millionen australische Dollar weg (2,16 Millionen Euro). Das war etwa das Doppelte des Medianpreises für Wohnimmobilien in der Stadt. Doch dort begannen im Februar die Preise zu fallen, ununterbrochen bis heute. In North Curl Curl fielen sie vom Höchststand um insgesamt 20 Prozent. Der Käufer des Häuschens in der Fay Street kann sich glücklich schätzen, dessen aktuellen Wert schätzt das Portal „property.com.au“ auf nur vier Prozent unter dem Kaufpreis. Vielleicht, weil es auf einem „herrlichen Eckgrundstück“ liegt, wie der Makler angepriesen hatte.
In den Vororten Sydneys sind die Preise deutlich gefallen: 16,5 Prozent minus in Malabar im Osten, 16,2 Prozent minus in Belmore, 15,8 Prozent in Wheeler Heights. Auch in der Hauptstadt Canberra, in Brisbane und Perth geht es runter, wenngleich unterschiedlich stark. Im schicken Melbourne sanken die Preise stadtweit um fast sieben Prozent, in teuren Vororten wie Flinders liegen die Preise inzwischen fast ein Drittel unter ihren früheren Höchstwerten. Der Verfall hat inzwischen 93 Prozent aller australischen Großstadtvororte erreicht. Landesweit liegen die Preise um 3,6 Prozent unter ihrem Höchststand.
Australien steht unter Schock. Das Thema Immobilienmarkt hat hier einen eigenen Begriff: „Barbecue Stopper“ wird das Debattieren über das Auf – ein Ab gab es ja bisher fast nie – der Preise beim Grillabend genannt. Fast jeder hängt am Wert des eigenen Hauses, will eine Immobilie kaufen, eine Wohnung als Geldanlage besitzen oder fürchtet, in diesem Leben kein Wohneigentum mehr erwerben zu können. Der „Great Australian Dream“ ist seit jeher das frei stehende Haus auf eigenem Grundstück, idealerweise mit Garten. Genau das gaben in einer Umfrage der Australian National University drei Viertel der Befragten als eines ihrer wichtigsten Lebensziele an.
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