Erpressungsvorwürfe nach Eklat: Seit Furrers Tod: Im Radsport tobt ein unfassbarer Zoff um die Sicherheit
Die Bilder sorgen immer noch für Gänsehaut. Ein Foto von Muriel Furrer flimmert über eine Großleinwand am verregneten Ufer des Zürichsee. Die Menschen versammeln sich davor, senken unter ihren Regenschirmen die Köpfe. Schweigen. Eine große Radsport-Party hätte es werden sollen. Mit dem Tod der 18-Jährigen wurden es eine der tragischsten Titelkämpfe der WM-Geschichte.
Am Sonntag in einer Woche, zum Ende der Straßenrad-WM in Montreal, jährt sich Furrers Tod zum zweiten Mal. Wenige Tage zuvor wird der Weltverband UCI GPS-Sender für alle Fahrer und Fahrerinnen bei allen großen Rennen verpflichtend einführen. Das klingt eigentlich nach einer sinnvollen Sache. Trotzdem ist darum ein Streit zwischen Teams und UCI entbrannt, in dem die Fronten verhärtet sind. Und bei genauerer Betrachtung geht der Schritt am eigentlichen Problem vorbei.
"Wir als Teams sind als Erste bemüht, die Sicherheit zu gewährleisten", sagte Teamchef Ronny Lauke von der deutschen Frauen-Equipe Canyon-Sram. "Es ist gut, dass es die Tracker gibt. Aber das Problem ist damit nicht gelöst." Denn das liegt eher in der Streckensicherheit als am Live-Tracking.
Der Beschluss der GPS-Verpflichtung bei allen Profirennen am kommenden Mittwoch in Montreal gilt als Formsache. Ein gemeinsamer Vorschlag von Verband, Teams und Veranstaltern liegt allerdings nicht vor. Und so wirkt es eher wie ein Diktat der UCI.
Was war passiert? Die Juniorin Furrer stürzte 2024 in einer Abfahrt schwer. Niemand sah den Sturz, das Fehlen der Schweizerin wurde zunächst nicht bemerkt. Anderthalb Stunden später fand man Furrer in einem Waldstück. Einen Tag später wurde sie für tot erklärt. Um so etwas künftig zu verhindern, wurden alte Forderungen nach GPS-Sendern für jeden Profi erneut laut. Dadurch wäre quasi sofort ein Alarm ausgelöst worden, der eine Rettungskette in Gang gesetzt hätte.
Ein knappes Jahr nach dem Furrer-Drama kam es zum Eklat. Die UCI verlangte bei der Tour de Romandie der Frauen, dass eine Fahrerin pro Team testweise einen GPS-Sender am Rad haben solle. Die Haftungsfrage war ebenso ungeklärt wie jene, was mit den gesammelten Daten geschehe. Einige Teams haben Verträge mit Datendienstleistern. Das Team Lidl forderte "Kooperation statt Zwang". Fünf Teams verweigerten die Teilnahme an dem Pilotprojekt und wurden vom Rennen ausgeschlossen. "Ich lasse mich beim Thema Sicherheit nicht erpressen", sagte UCI-Präsident David Lappartient.
Juristisch ist der Fall bislang nicht abgeschlossen. Die UCI lenkte im März dieses Jahres ein, überließ den Teams die Auswahl des GPS-Senders und beschränkte den Datenfluss auf Geschwindigkeit und Position.
Ein Sturz wie der von Furrer wäre auch mit GPS-Sender passiert. Die Schweizerin wäre sicherlich schneller gefunden worden, doch niemand weiß, ob sie dadurch heute noch am Leben wäre. Das eigentliche Problem ist und bleibt die Sicherheit der Strecke. Dort hat es bereits Veränderungen gegeben, am Ziel ist man noch lange nicht.
Erst Mitte August starb der 19 Jahre alte Engländer Finlay Tarling. Ein Van war bei der Portugal-Rundfahrt auf die abgesperrte Strecke gefahren, Tarling kollidierte mit hoher Geschwindigkeit mit dem Fahrzeug.
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