Kinder des Zweiten Weltkriegs: Das ist doch gar nicht dein Vater
Kinder des Zweiten Weltkriegs Das ist doch gar nicht dein Vater Von REINER BURGER (Text) und DANIEL PILAR (Fotos) 20. September 2026 · Sie sind die vergessenen Kinder des Zweiten Weltkriegs: die aus Beziehungen von deutschen Frauen zu Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Besatzungssoldaten stammen. In der jungen Bundesrepublik wurden sie oft ausgegrenzt. Vielen von ihnen hat das Rätsel ihrer Herkunft keine Ruhe gelassen. Schlimmer noch als der prügelnde Vater waren die Latrinen. Jack-Peter Kurbjuweit erinnert sich mit Grausen an den langgestreckten Toilettenschuppen des Flüchtlingslagers in Salzgitter-Watenstedt. Zehn Eingänge auf jeder Seite. Der stechende Gestank. Der Horror beim Blick ins große Öffnungsloch des Donnerbalkens. Die Angst, dass es diesmal passiert. „Dass ich diesmal reinfalle. Dass mich diesmal das Monster zu sich in die Kloake runterzieht.“ Also rasch das Geschäft erledigen! Vom Balken springen! Die Tür aufstoßen! „Die Hose habe ich mir immer erst draußen hochgezogen.“
Und doch war Salzgitter-Watenstedt Jack-Peters Kosmos – nicht nur weil er dort im Oktober 1945 geboren wurde, nichts anderes kannte. „Unsere Nachmittage waren spannend, wir hatten Spaß, wir erlebten Kameradschaft, Freundschaft und Freiheit.“ Die Kinder, deren Familien wie seine aus den Ostgebieten vor der Roten Armee geflohen waren, taten sich zu Jugendbanden zusammen. „Wir spielten Indianer und Cowboy gegeneinander, streiften durch alte Bunkeranlagen und Tunnelsysteme, verdienten mit gesammeltem Schrott ein paar Groschen.“
Jack-Peter war 13, als über Nacht seine Mutter Traudel verschwand. Keine Vorwarnung, keine Erklärung. Der Junge reimte sich zusammen, dass auch sie von seinem Vater Ernst Kurbjuweit, einem früheren Wehrmachtsoffizier, regelmäßig geschlagen worden war: „Mich jedenfalls verprügelte er mit allem, was er in die Hände bekam.“
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