Start-Up 1Komma5°: Ein Einhorn will das Stromnetz intelligenter machen
Strom wird immer häufiger zum Problem. Die Unternehmen klagen, er sei zu teuer, vielfach fehlt auch der Zugang. Wer heute ein Rechenzentrum baut, wartet oft Jahre auf einen Stromanschluss. Andernorts müssen Windräder abgeregelt werden, weil die Netze den Strom nicht aufnehmen können. Ein Riesenproblem, sagen die einen. Ein Riesenpotential, sagt Philipp Schröder, Gründer und Chef des Hamburger Energieunternehmens 1Komma5°: „Diejenigen Firmen werden erfolgreich sein, die günstige Strompreise haben. Aber wir führen in Deutschland die Netze wie vor hundert Jahren. Es gibt kein Auslastungsmanagement. Aber es braucht ein Betriebssystem, um Erzeugung und Verbrauch zu balancieren.“
Den Masterplan, wie das gelingen könnte, hat Schröder längst vor Augen. Das Pariser Klimaziel als Firmenname deutet darauf hin, dass sein Geschäftsmodell mit dem Kampf gegen den Klimawandel zu tun hat. Bisher hat sich 1Komma5° zum Großinstallateur von Solaranlagen, Wärmepumpen, Wallboxen und dergleichen entwickelt. 3000 Mitarbeiter in sieben Ländern arbeiten für das Hamburger Unternehmen. Die Geräte werden als Komplettpaket mit Installation angeboten, neuerdings sogar mit fester Ratenfinanzierung auf 25 Jahre.
In diesem Jahr wird der Umsatz 700 Millionen Euro erreichen, berichtet Schröder und betont: Das Kerngeschäft des erst vor fünf Jahren gegründeten Unternehmens ist profitabel. Es hat in den ersten drei Quartalen ein Ergebnis (vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) von 40 Millionen Euro erbracht und ist dabei auch noch Cashflow-positiv. Seit dem Jahr 2023 zählt 1Komma5° mit einer Investoren-Bewertung von mehr als einer Milliarde Euro als „Einhorn“. Zuletzt wurde im Jahr 2024 Eigenkapital von 150 Millionen Euro eingeworben.
Gewappnet mit solchen Erfolgen will Schröder groß angreifen. Das starr gemanagte Stromnetz wird nicht durch die Netzbetreiber zu einem intelligenten Netz werden, lautet seine Prognose. Diese Unternehmen, Monopolisten in ihren jeweiligen Regionen, seien gewohnt, Engpässe durch den Zubau von Kupferkabeln zu beseitigen, was langwierig und teuer sei. „Das ist, wie wenn wir die Deutsche Post mit der Umsetzung des Internets beauftragt hätten“, spottet Schröder im Gespräch mit der F.A.Z.
Sein Plan basiert auf einer Plattform, die alle wichtigen elektrischen Systeme mit ihren Speicherkapazitäten zu einem riesigen flexiblen Netz zusammenknüpft. „Wir bräuchten 30 Prozent aller relevanten dezentralen Systeme und Verbraucher“, erklärt Schröder: „Das wären in Europa Kapazitäten von 30 bis 50 Gigawatt.“ Indem Angebot und Nachfrage zeitlich verschoben werden, könnte die Volatilität geglättet werden, lautet die Logik hinter diesem Geschäftsmodell. Sein Beispiel für das Vorgehen: „Wenn wir wissen, dass es morgen viel Wind geben wird, reservieren wir Speicherkapazitäten, um möglichst viel Strom aufnehmen zu können, den wir dann wieder verkaufen, wenn er benötigt wird.“
Der bisherige Schwachpunkt der erneuerbaren Energien – dass sie keine Grundlast ermöglichen – würde dadurch ausgemerzt.
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