Verkehrsinfrastruktur: Wie lassen sich Deutschlands Straßen schneller sanieren?
Der graue Riese beißt sich durch. Oben im Fahrerhaus sitzt der Maschinist, der den „Recycler“ mit Joystick und Lenkrad steuert. Das Fahrzeug fräst in das Straßenfundament den neuen Werkstoff ein, durch den alles schneller gehen soll. 5,2 Kilometer Straßenlänge in halber Schrittgeschwindigkeit, dafür bleiben hier auf der Baustelle zwischen Hohenwart und Freinhausen in Oberbayern nur wenige Tage: um das Gemisch aus mineralischem Bindemittel und Zement in den Grund zu bringen, dabei immer die exakte Wassermenge einzuspritzen, die Vorder- und Hinterachsen mit den mannshohen Walzen in der Spur zu halten. Und um den Boden zu bereiten für das, was noch kommt: Asphalt.
Ein halbes Dutzend Baufahrzeuge steht dafür bereit. Ein Wasserwagen hängt am „Recycler“. Dazu kommen die Walze und ein „Grader“, der die Straße auf die nötige Höhe bringt. Zwei Lkws wirbeln über Staub und Schotter. Statt wie auf herkömmlichen Straßenbaustellen den alten Asphaltschutt abzutransportieren, liefern sie eine Mischung aus Zement und einem Bindestoff an, der Novocrete heißt: 650 Tonnen werden davon auf der Baustelle verteilt, 25 Kilogramm auf jeden Quadratmeter. So kann der alte Asphalt im Boden bleiben.
Das unterscheidet die Baustelle von vielen anderen in der Bundesrepublik. Werden Straßen auf herkömmliche Art saniert, werden erst tonnenweise Straßenbelag und Schotter ausgehoben und abtransportiert. Das kostet den Steuerzahler Zeit und Geld, es trägt auch zur Belastung mit Kohlendioxid (CO2) bei. Das neue Verfahren mit dem Bindemittel Novocrete soll Bauzeiten und Kosten halbieren, verspricht der Hersteller, die IBS GmbH.
Das Bindemittel ist ein Beispiel für Forschung und Innovation, die der ehemalige Verkehrsminister Volker Wissing (parteilos) in seiner Straßenbauoffensive gefordert hatte. Denn der Ausbau der Infrastruktur verschlingt große Summen. Allein im Bundesverkehrswegeplan 2030 wurden mehr als 130 Milliarden Euro für Straßensanierungen festgeschrieben. Zusätzliche Investitionen aus dem Sondervermögen kommen noch hinzu.
Neue Verfahren oder Produkte werden in Deutschland derweil selten eingesetzt, obwohl die Baustellen immer teurer werden. Nach einer Auswertung des Bundesumweltministeriums sind die Kosten für Straßenbauprojekte von 2015 bis 2022 um 67 Prozent gestiegen. „Weltmarktführer in der Nische“, sagt Julian Bihl, der Geschäftsführer von IBS.
Gerade ist der 34 Jahre alte Manager an der Baustelle angekommen, aus Bösingen in Baden-Württemberg, wo auch die Firmenzentrale ist. Es waren gut dreieinhalb Stunden mit dem Auto über die A81 und A8. Die Fahrt hat ein wenig länger als normal gedauert, weil auf der Strecke Spuren erneuert werden. Jetzt ist es kurz nach neun Uhr, auf der Baustelle ist schon alles im Gange. „Gute Straßen mag jeder, Baustellen aber nicht“, sagt Bihl.
Das habe sich vor mehr als 25 Jahren auch sein Vater gedacht, als er in einem Zementwerk arbeitete und über Zementmischungen für den Straßenbau und die Instandsetzung geforscht habe. Später machte der Vater sich mit seinem Know-how und einer Idee selbstständig: den alten Asphalt vor Ort weiterzuverwenden. Straßenbauer sprechen von Kaltrecycling.
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