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Eine Pro-Aging-Kolumne - Einmal Herbst statt Hyaloron, bitte

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Eine Pro-Aging-Kolumne - Einmal Herbst statt Hyaloron, bitte

„Eigentlich ziemlich unfair“, dachte ich, als ich den Ahorn vor unserem Fenster betrachtete. Seine ersten Blätter verfärben sich, werden welk. Aber ich habe noch nie jemanden sagen hören: „Mensch, Ahorn, du solltest mal dringend etwas gegen deine Alterungsprozesse tun! Hier ein bisschen Hyaloron und Lachssperma, da noch ein kleines Fillerchen!“ Im Gegenteil. Wir bleiben stehen und sagen: „Ach, wie schön! Der Herbst!“

Nur bei uns Menschen haben wir beschlossen, dass verfärbte Haare und ein paar Kerben in der Oberfläche kein schönes Zeichen von Wachstum sind, sondern dass man sie dringend bekämpfen muss. Dass Langsamerwerden und Innehalten Schwächen sind. Als wäre der Herbst unseres Lebens eine Art Betriebsunfall. Dabei liebe ich den Herbst gerade deshalb, weil er eben ganz lässig ist, wie er ist. Die Bäume tun nicht so, als wäre noch Juni. Die Natur kämpft nicht gegen die Zeit. Sie macht einfach weiter. Wollen wir uns das nicht ein wenig abschauen?

Bei mir sind die kleinen Fältchen um meine Augen inzwischen dauerhaft eingezogen. Früher tauchten sie nur beim Lachen auf. Heute wohnen sie dort, krähen durchaus laut: „Krähenfüße, hallo, hier!“ Die grauen Haare auszureißen, wäre mittlerweile eine Tagesaufgabe. Der Hals war auch schon einmal straffer und auf einem Foto von mir auf einer Geburtstagsfeier habe ich neulich ganze sechs Kinn gezählt.

Mein erster Gedanke war nicht: „Hilfe!“ Sondern ein schmunzelndes: „Ach, da seid ihr ja.“ Ich weiß doch, woher ihr kommt: von durchwachten Nächten mit meinen kranken Mäusen. Von Tränen der Wut und Tränen der Trauer. Von Lachanfällen mit Freunden beim Hitster-Spielen. Von zu viel Sauvignon Blanc und zu wenig Schlaf. Von Familien urlauben , bei denen ich die altersweitsichtigen und schon lange kurzsichtigen Augen zusammengekniffen habe, um meine Schätze im Meer zu beobachten. Von Sorgen und Sehnsüchten. Von einem Leben eben. Von echtem Leben.

Ist es da nicht ganz schön absurd, diese Spuren um jeden Preis verschwinden lassen zu wollen?

Warum eigentlich? Der Herbst ist doch auch nicht deshalb schön, weil er aussieht wie der Frühling. Er ist schön, weil er anders ist. Man sieht ihm an, was im Sommer so los war. Dass Zeit vergangen ist. Dass es heiß herging. Und jetzt verlangsamt der Herbst die Abspielgeschwindigkeit. Keine Sprachnachricht auf 1,5. Er nimmt sich Zeit.

Ist er ungefragt da, dann kann man seinen Wind mitnehmen. Oder sich aber gegen seine dauerpustenden Backen stellen. Wie anstrengend. Und offen gesagt kenne ich auch keinen Fall, in dem das Ankämpfen optisch gut ausgegangen wäre. Wer im Winter einzelne grüne Blätter an einen Baum klebt, bringt ihn nicht zum Blühen.

Ich sage nicht, dass einem automatisch alles egal sein muss, was im Sommer noch angesagt war. Aber ich denke, es ist entspannter, nicht ständig gegen sich selbst anzutreten.

Ich mag mittlerweile nicht mehr an Drogerie-Regalen vorbeigehen, wo es ausgewiesene Bereiche für 40plus-Menschen wie mich gibt: „Anti-Aging“, „Age Repair!“, „Youth Booster“, „Lift and Glow“. Entschuldigen Sie, wo finde ich denn die Pro-Aging-Produkte? Für Gelassenheit, Dankbarkeit, Reife. Für das Privileg, überhaupt älter werden zu dürfen.

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