Druckmittel Reisepässe: Taliban wollen mehr Diplomaten in Europa
Druckmittel Reisepässe Taliban wollen mehr Diplomaten in Europa Stand: 23.09.2026 • 06:17 Uhr
Die in Afghanistan herrschenden Taliban erhöhen nach NDR -Recherchen den Druck auf zahlreiche EU-Staaten, um eigene Diplomaten entsenden zu können. Das Druckmittel: Reisepässe.
Es ist viel los in diesen Wochen vor der afghanischen Botschaft im Berliner Stadtteil Grunewald. Jeden Tag stehen Dutzende Schlange vor dem Eingang zur Konsularabteilung. Es sind Menschen, die Reisepässe benötigen, Erbscheine, Geburtsurkunden.
Die bekommen sie hier, denn die Botschaft wird inzwischen faktisch von einem Vertreter der Taliban geleitet, einem Mann, der einen kurzen Draht nach Kabul hat. Der ist nämlich notwendig, damit solche wichtigen Dokumente ausgestellt werden können. Der Grund, weshalb bislang auch viele Afghaninnen und Afghanen aus Nachbarländern Deutschlands hierherkamen - aus Belgien, Frankreich, der Schweiz oder Österreich.
Doch vor einigen Wochen war plötzlich Schluss. Wer nicht in Deutschland lebt, bekommt inzwischen keine Papiere mehr - Anweisung aus Afghanistan. "Es ist ein Problem, dass sie keine Anträge aus anderen Ländern mehr annehmen. Sie wollen damit Druck auf die Menschen ausüben", sagt Hamid Kabiri, Ex-Diplomat und Regimegegner: "Und zudem üben sie auch Druck auf andere Regierungen aus, damit diese ihre Diplomaten akzeptieren, wie es Deutschland getan hat."
Seit knapp einem Monat kontrollieren die Taliban alle diplomatischen Vertretungen in Deutschland. Viele Exil-Afghanen sind entsetzt mehr
Das Ziel der Taliban ist klar: Auch die EU-Nachbarn Deutschlands sollen Konsularbeamte der Radikalislamisten akzeptieren - wie die Bundesregierung es seit vergangenem Jahr tut. Noch aber sind die afghanischen Botschaften in Brüssel, Paris, Genf oder Wien in der Hand von Diplomaten, die vor der Machtübernahme der Taliban im August 2021 entsandt worden waren und die Regimegegner sind. Diese Missionen können jedoch keine Reisepässe und andere wichtige Papiere mehr ausstellen, weil die Taliban sie praktisch isoliert haben.
Das sei ein großes Problem für Afghaninnen und Afghanen in diesen Ländern, sagt Nazifullah Salarzai, afghanischer Botschafter in Belgien und Gegner der Taliban: "Reisepässe und konsularische Dokumente sind unerlässlich. Der Entzug oder die Einschränkung des Zugangs zu diesen Dienstleistungen würde die Schwierigkeiten, mit denen Afghanen in Europa ohnehin schon zu kämpfen haben, nur noch weiter verschärfen."
Die Taliban haben nach NDR-Informationen in dieser Woche eine Delegation nach Deutschland geschickt. mehr
Botschafter Salarzai selbst kennt die Direktive aus Kabul nicht, denn seine Botschaft hat keine Verbindung mehr zum dortigen Außenministerium. Aber erstaunlich sei so ein Vorgehen der Taliban nicht:
Schon im vergangenen Mai hatte tagesschau.de darüber berichtet, dass die Taliban weitere Diplomaten nach Europa schicken wollen . Im Juni war eine Delegation der Radikalislamisten in Brüssel zu Gesprächen mit EU-Staaten .
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