Uraufführung in Salzburg: Jelineks «Unter Tieren»: Wenn die KI die Regie übernimmt
Wer braucht noch Schauspieler und Regisseure? Gegen Ende der Uraufführung von Elfriede Jelineks Stück «Unter Tieren» bei den Salzburger Festspielen tun sich auf der Bühne große Löcher auf, die das Ensemble binnen weniger Augenblicke verschlucken. Dann übernimmt Künstliche Intelligenz live das Ruder: KI-Modelle debattieren über das Regiekonzept und erstellen Bild- und Tonprojektionen, die ohne Darsteller aus Fleisch und Blut auskommen. Ab September ist die Koproduktion am Wiener Burgtheater zu sehen.
Menschen haben in diesem Werk der 79 Jahre alten Literaturnobelpreisträgerin ohnehin nichts mehr zu sagen: In ihrem letzten Stück würden nur noch Tiere sprechen, sagte die öffentlichkeitsscheue österreichische Autorin in einer kurzen Botschaft, die Regisseur Nicolas Stemann auf der Bühne vorliest. Indem Stemann am Ende des fast vierstündigen Abends die KI an die Stelle von Lebewesen setzt, treibt er Jelineks Idee auf die Spitze.
Tauben, Hasen, Füchse, Schweine, Kühe und viele andere Kreaturen melden sich in dem Stück zu Wort - um vor allem über Geld zu sprechen: Wie es entsteht, warum es viele nicht haben, welche Rolle Banken spielen und was das alles mit Krieg zu tun hat. «Tod und Geld, sie sind Geschwister, und sie haben Arschgesichter», wird etwa an einer Stelle im Chor gesungen.
In ihrem Text spricht Jelinek auch verschiedene Wirtschaftsskandale der vergangenen Jahre an: Gleich zu Beginn unterhalten sich drei Tauben über den österreichischen Investor René Benko und über den Zusammenbruch seines Immobilien- und Handelskonzerns Signa. Währenddessen räumen zwei Schauspieler mit Benko-Masken die Bühne leer, um die Requisiten vor Gläubigern in Sicherheit zu bringen.
In Stemanns Inszenierung bekommen auch andere bekannte Persönlichkeiten ihr Fett ab - etwa der umstrittene Technologie-Investor Peter Thiel und der österreichische Ex-Kanzler Sebastian Kurz, der nach seinem Rückzug aus der Politik zunächst für den US-Unternehmer gearbeitet hatte. Auf der Bühne kniet Kurz vor Thiel, dann umarmen sie sich zärtlich. Später lässt Stemann Thiel zu Wort kommen - nicht selbst, sondern mit offenbar KI-generierten Sätzen.
Auch der Porsche-Aufsichtsratschef und häufige Festspiel-Besucher Wolfgang Porsche wird von Stemann durch den Kakao gezogen - wegen des umstrittenen Privattunnels, den sich der Milliardär als Zufahrt zu seiner Salzburger Villa graben lassen wollte.
Das theorielastige Stück hat diese etwas plakativen Regieeinfälle nötig. Denn Jelinek verarbeitet brandaktuelle Themen nicht zu traditionellen Dramen mit Handlungen und Rollen. Stattdessen liefert sie riesige, komplexe Textflächen, aus denen erst Stücke gezimmert werden müssen.
Darstellerin Mavie Hörbiger hatte beim ersten Lesen Probleme mit dem Text: «Ich verstehe keinen Satz davon, ich weiß überhaupt nicht, um was es geht, was die Tiere da bereden», erzählte sie in einem Pressegespräch vor der Premiere.
Stemann ist sich dieses Problems bewusst. Der Regisseur, der 2027 die Intendanz am Schauspielhaus Bochum übernimmt, entscheidet sich gegen eine klassische Inszenierung und für ein Revue-Format. Es gibt keine Pause, das Saallicht bleibt an.
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