CDU-Kandidat Evers: Den Schatten von Kai Wegner wird er nicht los
Zunächst sieht es nach einem Heimspiel für Stefan Evers aus. Der CDU-Spitzenkandidat zur Abgeordnetenhauswahl ist von Männern und Frauen in CDU-Shirts umringt, als er Anfang September auf dem Berliner Bebelplatz steht. Evers will in wenigen Minuten auf der Demonstration „Die Linke stoppen – Brandmauer gegen linken Antisemitismus“ eine Rede halten. Anlass ist der Auftritt des Rappers Dahabflex bei der Neuköllner Linkspartei eine Woche zuvor. Er besang in einem Lied die „Intifada“ und wünschte der israelischen Armee den Tod. Die Initiative „Never again Berlin“, in der sich vor allem Juden engagieren, hat die Demo organisiert.
Doch die Versammlung wird unbequem für Evers. Vor ihm spricht eine Rednerin der Veranstalter: „Wo waren Sie die letzten drei Jahre, als Jüdinnen und Juden immer mehr aus dem öffentlichen Raum gedrängt wurden?“, fragt sie die anwesenden Politiker. Die Lage für Juden in der Hauptstadt sei „unter einer schwarz-roten Regierung grauenhaft“. Unter einem Senat mit Linkspartei-Beteiligung drohe noch Schlimmeres. Als Berliner Muslime das Massaker der Hamas nach dem 7. Oktober 2023 auf der Neuköllner Sonnenallee feierten, habe sie den Beistand der Politik vermisst.
Evers erwidert, der Berliner Senat habe den Juden beigestanden: Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner habe „bis zum letzten Tag“ der Geiselnahmen die israelische Flagge vor dem Roten Rathaus gehisst. Der 46 Jahre alte Jurist sagt aber auch, das Land müsse mehr gegen Antisemitismus tun. Er werde „alles tun, was in meiner Macht steht, dass Extremisten in Berlin niemals an die Macht kommen“.
Nach ihm spricht der FDP-Landesvorsitzende Christoph Meyer, dessen Partei kaum eine Chance hat, ins Abgeordnetenhaus einzuziehen. Er bezeichnet das, „was wir nach 2015 erlebt haben“ als „Siedepunkt“. Meyer fordert, der Verfassungsschutz solle die Linkspartei beobachten. Bei den Demonstranten kommt das besser an als Evers’ Wegner-Lob.
Der Finanzsenator ist erst Mitte Juli für den Regierenden Bürgermeister als CDU-Spitzenkandidat für die Wahl am 20. September eingesprungen. Wegner verzichtete auf die Kandidatur, weil er über sein Handeln nach dem Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz Anfang Januar gelogen hatte. Ende Juni erzwang die Zeitung „Der Tagesspiegel“ gerichtlich Auskünfte über Wegners Telefonate am Anschlagstag. Diese bestätigten, dass dessen frühere Angaben falsch waren.
Die CDU-Kreisvorsitzenden drängten Wegner daraufhin zum Rückzug – und kürten Evers zum Ersatzkandidaten. Bereits seit Monaten hatten ihn Parteifreunde in vertraulichen Gesprächen gebeten, Wegner zu stürzen. Evers wollte davon nichts wissen. Er stand erst zur Verfügung, als Wegner selbst das Handtuch warf.
Ein CDU-Landesparteitag hatte zu diesem Zeitpunkt den Regierenden Bürgermeister längst zum Spitzenkandidaten gewählt. Die Werbeleute der Partei hatten einen aufwendigen Kandidatenfilm über Wegner produziert. Etliche Flugblätter und Plakate waren gedruckt. Fast alles musste weg. Evers brauchte eine neue Kampagne. Für die Wahlkampfstrategen der Partei war das keine einfache Aufgabe: Vieles war plötzlich anders.
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