Laut Psychologie nehmen Menschen, die die Uhrzeit auf ihrem Handy statt auf einer Armbanduhr ablesen, den Zeitablauf anders wahr
Sind Sie Typ „Kurzer Blick aufs Handgelenk“ oder geht der Griff eher in die Hosentasche, wenn Sie die Zeit ablesen möchten? Beides liefert dieselbe Information, die Uhrzeit. Dennoch passiert dabei etwas grundlegend Verschiedenes Im Kopf. Während die Armbanduhr ausschließlich die Zeit liefert, überrollt uns das Smartphone gleichzeitig mit allem anderen: Nachrichten, Mails, Social-Media-Benachrichtigungen. Das hat messbare Folgen für unser Zeitgefühl .
Vorweg: Was die Uhr sagt und was das Gehirn daraus macht, sind zwei verschiedene Dinge. Die Psychologen William J. Matthews und Warren H. Meck haben in einem Review gezeigt, dass die subjektive Zeitwahrnehmung von drei Faktoren abhängt:
Wer also auf einen wichtigen Anruf wartet, empfindet zehn Minuten vielleicht als ewig. Wer in ein interessantes Gespräch vertieft ist, wundert sich, wie schnell die Zeit vergeht. Das Gehirn verarbeitet die Zeit völlig unterschiedlich – je nachdem, wohin die Aufmerksamkeit gerichtet ist.
So ist es oft auch beim Smartphone: Wer eigentlich nur kurz die Uhrzeit checken wollte, verschwindet plötzlich minutenlang im Bildschirm . Erklären lässt sich das mit dem sogenannten Attentional-Gate-Modell.
Die Grundidee: Das Gehirn verfügt über eine Art Tor, das zeitliche Informationen durchlässt. Ist die Aufmerksamkeit auf die Zeit gerichtet, steht das Tor weit offen – das Gehirn registriert den Zeitverlauf intensiv. Wird die Aufmerksamkeit abgelenkt, schließt sich das Tor teilweise, und zeitliche Informationen werden nur noch bruchstückhaft verarbeitet.
Das Ergebnis: Statt eines kurzen, sauberen Zeitsignals entsteht ein Aufmerksamkeitswechsel, der oft deutlich länger dauert als beabsichtigt. Die beiden US-Forscher Richard A. Block und Ronald P. Gruber haben diesen Mechanismus in Bezug auf prospektive Zeiturteile beschrieben, also Situationen in denen man aktiv mitzählt, wie viel Zeit vergeht. Etwa, weil man auf etwas wartet.
An dieser Stelle ein verbreitetes Missverständnis: Wer statt einer Armbanduhr das Smartphone nutzt, hat keine andere innere Uhr. Eine Forschungsgruppe um Warren H. Meck beschrieb im Fachjournal „ Annual Review in Psychology “ die sogenannten Internal-Clock-Modelle. Dabei handelt es sich nicht um eine buchstäbliche Uhr im Gehirn, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Systeme:
Gemeinsam erzeugen sie ein inneres Gefühl dafür, wie lange etwas dauert. Das Smartphone verstellt diesen Mechanismus nicht. Aber es verändert den externen Referenzpunkt, gegen den die innere Uhr abgleicht. Und wenn dieser Referenzpunkt in ein Multifunktionsgerät eingebettet ist, das gleichzeitig Dutzende andere Signale sendet, wird das Referenzsignal verrauscht – wie ein Radiosender, den man zwischen zwei Frequenzen empfängt.
Dass diese Aufmerksamkeitsverschiebung reale Konsequenzen hat, zeigten Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Ein Team um Zhuanghua Shi vom Multisensory Perception Lab an der LMU untersuchte, wie Social-Media-Scrollen die Zeitwahrnehmung verändert. Die Probanden wurden drei Bedingungen ausgesetzt:
Anschließend sollten sie einschätzen, wie lange die Inhalte präsentiert wurden.
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