Märkte immer unruhiger: Gefahrenherd Frankreich
Bei ihrer Rückkehr aus der Sommerpause findet die französische Politik Verhältnisse vor, die man mehr als anderthalb Jahrzehnte lang nicht kannte. Während das Land im kollektiven Urlaubsmodus weilte, haben die Renditen für Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit die symbolische Marke von vier Prozent geknackt. Das war selbst in den Jahren der Eurokrise nicht der Fall.
Auf der ganzen Welt sind die Anleihemärkte diesen Sommer unruhiger geworden. Im Umgang mit Frankreich ist die Unruhe aber besonders ausgeprägt. Der Risikoaufschlag gegenüber deutschen Papieren hat mehr als 85 Basispunkte erreicht. Dieses Niveau wurde zuletzt bei den Regierungsstürzen Ende 2024 und im Herbst 2025 erreicht. Nicht nur Spanien und Portugal, auch Griechenland und Italien können sich inzwischen günstiger verschulden als Frankreich.
Niemanden kann überraschen, dass die Märkte bei Frankreich besonders kritisch sind. Die zweitgrößte EU-Wirtschaft wächst alles andere als schwungvoll, die Prognosen für dieses Jahr wurden auf 0,5 bis 0,7 Prozent gesenkt. Vor allem aber schiebt Frankreich mit mehr als 3500 Milliarden Euro Europas größten Schuldenberg vor sich her. Das Staatsdefizit liegt seit 2023 bei mehr als fünf Prozent der Wirtschaftsleistung und ist nicht dabei, Maastricht-konform auf drei Prozent zurückgeführt zu werden. Im Gegenteil, laut einem Ökonomenbericht im Auftrag der Regierung droht ein Anstieg auf fast sieben Prozent. Die Ratingagentur Fitch hat guten Grund, Frankreich am Freitag abermals herabzustufen.
All das macht Frankreich zu einem Schuldner, dem nicht mehr so unbesorgt Geld anvertraut wird wie noch vor wenigen Jahren – und wie es seiner Größe und der Ertragskraft seiner Privatwirtschaft entspräche. Verhängnisvoll ist die Kombination aus finanzpolitischer Fragilität und politischer Instabilität. Seit mehr als zwei Jahren sind die Mehrheitsverhältnisse im französischen Parlament zersplittert. Die Populisten haben Oberwasser und treiben das gerupfte Präsidentenlager vor sich her. Die jüngsten Haushaltsdebatten glichen einem Spießrutenlauf, der Frankreich zwischenzeitlich in die größte politische Krise der Fünften Republik gestürzt hat.
Zu befürchten steht, dass es in diesem Herbst noch turbulenter zugeht. An den erstarkten Rändern ist das Interesse an Stabilität weiter gesunken, schließlich stehen in acht Monaten Präsidentenwahlen an. Notwendige Ausgabenkürzungen im Staatsapparat und Ausgabenbremsen im Sozialsystem sind unwahrscheinlicher denn je. Zumal auch Regierungsvertreter mit Karriereambitionen nicht erpicht sind, mit unliebsamen Maßnahmen als Sparkommissare in Verruf zu geraten.
Eine Mehrheit der Franzosen würde Reformen jedoch durchaus goutieren. Kostspielige und verzichtbare Doppelstrukturen zwischen Zentralstaat und Gebietskörperschaften gibt es zuhauf. Eine naturgegebene Notwendigkeit, den öffentlichen Dienst um Stellen in sechsstelliger Größenordnung weiter aufzublähen, wie unter Präsident Emmanuel Macron geschehen – der im Wahlkampf einst das Gegenteil versprach –, gibt es nicht.
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