Wenn nichts mehr hilft, können Bakteriophagen Leben retten
„Ein Patient mit Brandwunden, dem wirklich Haut transplantiert werden konnte, weil die Bakterien weg waren. Oder ein kleiner Junge, der mir gesagt hat, dass er endlich wieder Sport machen kann.“ Als Silvia Würstle von den Erfolgen mit der Phagentherapie erzählt, sieht man ihr Erleichterung an.
Denn bis das möglich war, war es ein langer Kampf. Sieben Jahre ist es her, dass die Infektiologin zum ersten Mal bei deutschen Behörden anfragte, ob man sogenannte Bakteriophagen hierzulande sicher und legal einsetzen darf. An der Yale University hatte sie erlebt, wie die Viren gezielt krankmachende Bakterien zerstören und so Menschen halfen, für die kein Antibiotikum mehr wirkte . Würstle wollte die Phagentherapie geregelt nach Deutschland bringen. Doch was anderswo möglich war, scheiterte hier jahrelang an fehlenden Standards und regulatorischen Hürden.
Jetzt hat sie es geschafft. Würstle, die das Phagenlabor am Universitätsklinikum Frankfurt leitet, ist führende Autorin einer Leitlinie, an der unter anderem 20 Fachgesellschaften und 18 internationale Experten dreieinhalb Jahre gearbeitet haben. Die Ergebnisse sind nun auch im Fachjournal „ Nature Medicine “ erschienen — als weltweit erste konsensbasierte Empfehlung zur personalisierten Phagentherapie. Im Februar 2026 hat Würstles Team auf dieser Grundlage begonnen, Patienten mit Phagen zu behandeln. Unter anderem gegen den Krankenhauskeim Staphylococcus aureus (in seiner resistenten Form als MRSA bekannt) und den bei Lungenentzündungen gefürchteten Pseudomonas aeruginosa.
Zehn Patienten wurden seitdem erfolgreich behandelt. „Das ist wirklich das allererste Mal, dass so ein Weg möglich ist“, sagt Würstle.
Bakteriophagen – kurz Phagen – sind Viren, die hochspezifisch Bakterien infizieren und abtöten können. Sie kommen überall vor: im Boden, im Wasser und auch im menschlichen Körper. Jeder Mensch trägt mehr Phagen in sich als Bakterien, sie sind die häufigsten biologischen Gebilde auf der Erde. Bereits 1919 setzte der Forscher Félix d’Hérelle sie gegen bakterielle Infektionen ein. Mit dem Siegeszug der Antibiotika geriet die Phagentherapie in den meisten westlichen Ländern jedoch weitgehend in Vergessenheit – in Ländern wie Georgien oder Belgien ist sie bereits stärker etabliert.
Erst als immer mehr Bakterien gegen Antibiotika resistent wurden, kehrte das Interesse an der Phagentherapie zurück. Obwohl klare Regularien fehlten, konnten Mediziner in den USA und in Belgien Phagen bereits seit Jahren einsetzen – im Rahmen von Einzelfallgenehmigungen und sogenannten Magistralrezepturen: individuell in einer Apotheke hergestellte Medikamente, für die keine aufwendige Arzneimittelzulassung nötig ist. In Deutschland war das deutlich schwieriger. Zwar dürfen Krankenhausapotheken solche Rezepturen grundsätzlich auch herstellen. Doch jeder einzelne Phagenstamm gilt rechtlich als eigenständiger Wirkstoff. Braucht ein Patient einen anderen Phagen, entsteht aus Sicht der Behörden ein komplett neues Medikament – mit neuen Anforderungen an Dokumentation und Prüfung. In Belgien hatte man dafür früh einen eigenen Rechtsrahmen geschaffen.
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