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Kultur

BILD-Nachruf auf Ralf Richter - So einer wie der wird heute gar nicht mehr gebaut

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BILD-Nachruf auf Ralf Richter - So einer wie der wird heute gar nicht mehr gebaut

Köln (Nordrhein-Westfalen) – Er flog von der Schauspielschule. Das machte dem jungen Mann aus Essen aber nichts. „Von der Schule fliegen kannte ich schon von früher.“ Fast 200 Filme und Serien-Episoden später ist Ralf Richter tot. 69 ist er geworden. Er hätte einen dreckigen Witz über die Zahl gemacht, wenn er noch könnte. Der Mann, der alles spielen konnte. Der Vorzeige-Proll auf Röhren-TV und Leinwand. Große Fresse? Immer! Ganz viel Herz? Ja, sicha! So einer wie der wird heute doch gar nicht mehr gebaut.

Die Stimme („Hat mich ’ne Stange Geld gekostet. Zigaretten. Verstehste?“). Das Gesicht. („So seh’ ich halt aus! Kostet dafür nix.“) Diese Mischung aus Wut, Wärme und Wahnsinn. Ralle Richter konnte einen Ruhrpott -Proleten spielen wie kaum ein anderer.

Wie Kalle Grabowski aus „Bang Boom Bang“ (1999): cholerisch, grob, gefährlich, komisch. Eine Filmfigur, die längst noch größer geworden ist als der kultige Film selbst. Ein Kerl, bei dem man dachte: Hoffentlich begegnet man dem nie. Und gleichzeitig: Hoffentlich begegnet man ihm doch.

Für seine beiden Kinder und die sechs Enkel war er vor allem Vater und Opa. Für Millionen andere war er eine Figur. Ein Stück deutsche Filmgeschichte. Doch wer Richter nur auf den Proll reduzierte, verstand ihn nicht.

Denn hinter der lauten Schnauze steckte ein erstaunlich leiser, wacher und kluger Kopf. Der gelernte Schreiner (Sohn eines Architekten) konnte über Menschen reden, über soziale Milieus, über Gewalt und das Gefängnis. Knast kannte er auch von innen. „War aber ein Missverständnis …“

Der Mann beobachtete verdammt genau. Seine Antworten waren oft derber als jede Feuilleton-Kolumne, aber nicht weniger analytisch. Er kannte jeden Politiker und wusste, warum seine Figuren so waren, wie sie waren. Er kam aus dem Ruhrpott und lebte ihn. Als Bergmann im Klassiker „Superstau“ (1991) raunzte er seinen Filmsohn an: „Sach ma, haste schon die ganze Sonne ausgesoffen?“ (Gemeint war Capri-Sonne , und der Kleine musste pinkeln.)

Als Kalle in „Bang Boom Bang“ träumte er vom fetten Mercedes („IS! DER! GEIL!“).

In „ Das Boot“ ging es um Nasenhaare und Knoten. Alles herrliche Sprüche – alles Kult. Bis heute. Und irgendwo auch immer mit entwaffnender Ehrlichkeit. Passend für so viele Lebenssituationen.

Vielleicht lag genau darin seine größte Begabung: Richter machte sich über seine Figuren nie wirklich lustig. Er nahm sie ernst. Den Malocher. Den Kleinkriminellen. Den Aufschneider. Den Verlierer. Den Typen, der mit Jogginghose und Bier in der Hand seine ganze Welt verteidigt. Er kannte diese Menschen nicht nur aus Drehbüchern. Er kannte sie aus dem Pott.

Geboren in Essen, aufgewachsen in Bochum , Schreiner gelernt, Schauspielschule besucht und ohne Diplom wieder verlassen. Trotzdem Karriere gemacht! Richter war eben nicht nur der Kerl, der „Hömma!“ sagen konnte.

Er hatte ein Verhältnis zur Sprache. Zur Literatur. Zum Erzählen. 2018 las er Texte aus Herbert Bergers autobiografischem Ruhrpott-Buch „Der Pütt hat mich ausgespuckt“. Er setzte sich für Alphabetisierungskampagnen und Obdachlose ein.

Vor zwei Jahren feierte Ralf Richter mit zahlreichen alten Weggefährten noch ein irres Jubiläum.

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