Rätsel um Wall-Street-Ikone: Wem gehört der berühmteste Bulle der Welt?
Millionen Menschen besuchen jedes Jahr den Charging Bull in New York. Doch weder die Stadt noch ein britischer Milliardär wollen für die berühmte Skulptur verantwortlich sein. Die Spur führt zurück zu einer Nacht-und-Nebel-Aktion vor fast 40 Jahren.
Es sind Tausende, die auch an diesem Sommertag wieder Schlange stehen werden hinter einer der bekanntesten Bronzestatuen der Welt. Mehr als drei Tonnen schwer, über drei Meter hoch und fünf Meter lang scheint der Charging Bull loszustürmen von der kopfsteingepflasterten Verkehrsinsel in New Yorks Finanzdistrikt.
Holger und Jasmin aus dem Raum Bonn machen gerade ein Foto für ihren Arbeitgeber. "Wir sind selber in der Finanzbranche tätig", sagt Holger, "und der Bulle ist ja das Börsensymbol". "Aber wir haben gerade auch mal an die Hörnchen gepackt, das soll ja Glück bringen", sagt Jasmin.
Anja Mühlbauer aus Radevormwald besucht die Skulptur mit einer Touristengruppe. "Ich bin nicht abergläubisch", sagt sie. "Das Foto ist einfach eine besondere Erinnerung für mich."
Schließlich ist der Bulle eine der bekanntesten Touristenattraktionen der US-Metropole. Millionen Besucher aus aller Welt pilgern jedes Jahr zu ihm in der Hoffnung auf Glück, Geld, Erfolg und natürlich steigende Aktienkurse. Doch während der Charging Bull längst zu einer Ikone geworden ist, ist eine ganz banale Frage für die New Yorker gerade schwer zu beantworten: Wem gehört er eigentlich und wer kümmert sich um ihn?
Die Suche nach Antworten führt zu einem engagierten Künstler, zum britischen Milliardär Joe Lewis und durch eine jahrzehntelange bewegte Geschichte.
Der Charging Bull tauchte kurz vor Weihnachten 1989 vor der New Yorker Börse auf. Ihr Schöpfer, der italienische Künstler Arturo Di Modica, hatte das Sicherheitspersonal wochenlang beobachtet und seine Skulptur schließlich über Nacht vor dem imposanten Gebäude an der Wall Street abgeladen. Doch anders als viele heute denken, sollte der Bulle nicht die Wall Street symbolisieren, sondern die Anpack-Mentalität der US-Amerikaner. Di Modica wollte der Bevölkerung Hoffnung machen, nachdem die Börse am "Black Monday" 1987 an einem Tag um mehr als 20 Prozent eingebrochen war - bis heute einer der größten prozentualen Tagesverluste.
"Egal, wie tief man am Boden liegt, man kann wieder aufstehen und weitermachen. Das war Arturos Botschaft", sagt Fernando Luis Alvarez, ein enger Freund Di Modicas und Inhaber der Alvarez Gallery, die den Künstler bis zu seinem Tod in Nordamerika vertreten hat. Dass das Aufstellen der Skulptur illegal war, sei Teil der Kunst, sagt Alvarez.
Der Polizei und dem New York Stock Exchange gefiel das allerdings nicht. Obwohl sich sofort Schaulustige und Journalisten um die Skulptur versammelt hatten, ließ die Börse sie noch am selben Tag entfernen und löste damit einen Aufschrei aus. Eine lokale Initiative und der Leiter der New Yorker Parkbehörde sorgten daraufhin dafür, dass der Künstler den Bullen unweit der Wall Street im Bowling Green Park wieder aufstellen durfte - eigentlich nur temporär. Aber trotz vieler Diskussionen um einen neuen Standort strömen die Menschen nun seit bald 40 Jahren zum südlichen Ende des Broadway.
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