Angebliche Diskriminierung - 5000 Bewerbungen, um Firmen abzuzocken?
Augsburg (Bayern) – Unfassbare 700.000 Euro soll sich ein Ex-Polizist mit Anti-Diskriminierungsklagen in ganz Deutschland ergaunert haben. Seit Mittwoch steht Lucas K. (38) wegen zehn Fällen des Betrugs vor dem Amtsgericht Augsburg. Trotz erdrückender Indizien leugnet er alle Vorwürfe.
Von dem sächsischen Landratsamt, in dem sein Vater arbeitete, bekam K. ohne ärztliche Bescheinigung einen Behindertenausweis wegen Migräne. Damit ausgestattet schrieb er nach polizeilichen Erkenntnissen mindestens 5000 Bewerbungen für den Öffentlichen Dienst: als Sachbearbeiter in Landratsämtern, Stadtverwaltungen und Hochschulen. Staatsanwältin Annalena Schröder: „Da schlummern noch sehr viele Fälle in der Hinterhand. Es handelt sich um ein massives Verfahren des Angeklagten, das er hier entwickelt hat. Angeklagt sind nur diese zehn Taten, immer Schema F. Immer dieselbe Bewerbung, dieselbe Klageschrift, nahezu dasselbe Urteil.“
Dabei ging K. so vor: Irgendwo auf 63 Seiten Bewerbung versteckte er seinen Hinweis auf eine 30-prozentige Behinderung. Bekam er eine Ablehnung, dann verwies er auf seine Schwerbehinderung – und forderte außergerichtlich eine Entschädigung nach dem Anti-Diskriminierungsgesetz. Unter anderem die Helmut-Kohl-Stiftung ging auf seine Forderung sofort ein und zahlte K. 10.000 Euro. So wollten die Verantwortlichen vermeiden, mit einem Diskriminierungsvorwurf in der Öffentlichkeit zu stehen. Andere Arbeitgeber verklagte K. dann nach dem AGG vor dem Arbeitsgericht. Er behauptete, er habe ein ernsthaftes Interesse an der Stelle gehabt. Die Beklagten wiederum sahen Rechtsmissbrauch. K. bestritt das und bekam meist von den Arbeitsgerichten eine Entschädigung zugesprochen.
Als sich die Behörden im Sommer 2024 untereinander vor dem „AGG-Hopper“ warnten, durchsuchte die Kripo Augsburg Lucas K.s Wohnung – und stieß auf eine Excel-Datei mit dem Namen „SicherungMillionDollarUBS“. Neben die jeweilige Bewerbung hatte er in der Spalte „Entschädigung“ den Ertrag seiner Arbeitsgerichts-Klagen eingetragen. „Warum ist die nicht gelöscht?“, entfuhr es ihm, als die Polizisten dies entdeckten.
Im Prozess dagegen sagte er: „Die Million Dollar war nur ein Mantra, das ich seit 2007 mit mir rumtrage. Ich komme aus einer einfachen Arbeiterfamilie. Ich wollte dem Staat nicht auf der Tasche liegen. Und wenn ich arbeitslos bin, muss ich mich doch um Beschäftigung bemühen.“ Dabei hätte er Arbeit gar nicht nötig gehabt: Allein eines seiner elf Konten hatte Zahlungseingänge von 1,56 Mio. Euro. Er gab in gut einem Jahr 117.000 Euro für den privaten Konsum aus, erwarb Anteile an einem Pflegedienst und heiratete seine Frau in Griechenland. Kommissar Wolfgang R. (52): „Ich bin mir sicher, die Million hat er geknackt mit dieser Betrugsmasche.“
Angeklagt sind jetzt aber nur zehn Fälle mit 53.000 Euro Schaden. Auch 388 mutmaßliche Betrugstaten zulasten der Deutschen Bahn sind nicht Teil des Prozesses: Er soll mit einer BahnCard 100 4.800 Euro Entschädigung für Verspätungen erschlichen haben – obwohl er zu der Zeit in seinem Münchner Büro saß. Überdies arbeitete er trotz Schwerbehinderung als Football-Trainer und fuhr Motorrad.
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