Zehntausende Nachfolger gesucht - Der Betrieb ist da – nur der neue Chef fehlt
Volle Auftragsbücher. Treue Kunden. Eingespielte Mitarbeiter. Maschinen, Werkstatt und Firmenwagen sind vorhanden. Eigentlich der Traum eines jeden Gründers. Trotzdem stehen in Deutschland tausende funktionierende Handwerksbetriebe vor demselben Problem: Es fehlt der neue Chef.
Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) will in den kommenden fünf Jahren fast jeder vierte Handwerksunternehmer seinen Betrieb übergeben oder ganz schließen. Hochgerechnet geht es um rund 125.000 Betriebe. Viele werden keinen Nachfolger finden. Der Verband spricht bereits von einem „stillen Sterben“ im Handwerk. Und das ist längst nicht nur ein Problem der Inhaber. Wenn Betriebe schließen, verschwinden Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze und wertvolles Fachwissen.
Der größte Engpass ist nach Ansicht des ZDH nicht fehlendes Geld. Es fehlen die Menschen, die überhaupt noch Unternehmer werden wollen. Die Zahl der Meisterabschlüsse geht zurück. Gleichzeitig sinkt die Lust auf die Selbstständigkeit. Eine Studie des Forschungsinstituts für Berufsbildung im Handwerk liefert alarmierende Zahlen: Nur noch knapp 15 Prozent der Meisterabsolventen möchten sich selbstständig machen.
Viele schrecken dabei nicht vor der Arbeit oder der Verantwortung zurück. Sondern vor dem Papierkram. Rund 35 Prozent nennen bürokratische Hürden als Grund gegen die Selbstständigkeit. Beim ZDH ist sogar von einer „Angst vor Formularen“ die Rede. Hinzu kommt: Wer heute einen Meistertitel in der Tasche hat, findet oft auch ohne eigenes Risiko einen gut bezahlten Job in Industrie oder Mittelstand. Warum also einen Betrieb übernehmen, wenn anderswo eine sichere Festanstellung wartet?
Denn: Wer einen bestehenden Betrieb übernimmt, muss nicht bei null anfangen. Die Kunden sind schon da. Die Aufträge meist auch. Oft gehören eingespielte Mitarbeiter, Maschinen, Werkstatt, Fahrzeuge und Lieferantenkontakte gleich dazu. Der große Vorteil gegenüber einer Neugründung: Vom ersten Tag an fließt Geld. Und: Viele Unternehmer begleiten den Nachfolger sogar noch eine Zeit lang und geben ihr Wissen weiter. Diesen Erfahrungsschatz kann keine Neugründung ersetzen.
Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an. Ein kleiner Dienstleistungsbetrieb ohne eigene Immobilie kostet deutlich weniger als eine Firma mit Werkstatt, Maschinenpark, Fuhrpark und mehreren Mitarbeitern. Im Handwerk kommt oft noch etwas hinzu: Nicht selten liegen Werkstatt, Betriebsgebäude und Wohnhaus auf demselben Grundstück.
Wer den Betrieb übernimmt, übernimmt deshalb oft nicht nur Maschinen und Kunden, sondern gleich auch Immobilien. Das macht den Einstieg deutlich teurer und die Verhandlungen komplizierter. Nach Angaben des ZDH ist genau das eine typische Hürde bei Betriebsübergaben. Wichtig dabei: Der Kaufpreis hängt nicht nur von Maschinen oder Gebäuden ab. Entscheidend ist vor allem, wie viel Geld der Betrieb künftig erwirtschaften kann.
Für Kristina Pelz, Leiterin der Betriebsberatung der HWK Düsseldorf, beginnen viele Probleme lange vor dem eigentlichen Verkauf.
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