Nationalkultur: Damit wir das Wesen, die Eigenheit, das Geheimnis besser verstehen
Warum hat Berlin nicht, was London schon lange hat und ungeheuer populär ist? Ein Museum, in dem es nur Portraits zu sehen gibt? Die Forderung des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer, ein solches Haus zu gründen, wird kontrovers diskutiert. Hier schreibt Julia Voss, die gerade eine Portrait-Ausstellung vorbereitet, über die erstaunliche Faszination dieses Bildgenres. Und was daraus folgen könnte. Voss ist Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Präsidium des Deutschen Historischen Museums.
Seit einigen Wochen erreicht das Deutsche Historische Museum ungewöhnliche Post. Geschickt werden uns Abbildungen von Porträts, gemalt oder fotografiert, die ganz unterschiedliche Menschen darstellen, vor allem aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Es sind Porträts von Frauen und Männern, Jungen und Alten, Bäuerinnen, Fabrikdirektoren oder Pädagogen. Überwiegend handelt es sich um Vorfahren der Absender. Wir freuen uns über jede einzelne Zusendung.
Im Juni hatte das Deutsche Historische Museum angekündigt, eine Ausstellung zu »Porträts der deutschen Geschichte« auszurichten. Kurator ist der vielfach ausgezeichnete Historiker Christopher Clark, den eine große Öffentlichkeit durch Bücher wie Die Schlafwandler oder zuletzt Skandal in Königsberg kennt. Und kürzlich hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimer über mögliche größere Pläne in einem Interview gesprochen: Er wünsche sich eine deutsche Porträtgalerie für Berlin – nach dem Vorbild der National Portrait Gallery in London. Sein Vorschlag wurde sofort von vielen Medien aufgegriffen und diskutiert, mit unterschiedlichen Stoßrichtungen. Wir, Christopher Clark als Kurator und ich als Co-Kuratorin, haben die schöne Aufgabe, das Potenzial einer solchen Porträtgalerie in einer Wechselausstellung auszuloten.
Seitdem sind wir am Sichten. Allein in den Sammlungen des Deutschen Historischen Museums gibt es Hunderte Porträts. Sie werden zum ersten Mal in ihrer Fülle gezeigt werden können, darunter viele, die jetzt schon zu den Publikumslieblingen zählen. Karl der Große, gemalt von Albrecht Dürer. Martin Luther und Katharina von Bora, gemalt von Lucas Cranach. Dazu Friedrich II., Humboldt, Bismarck. Lotte Lasersteins Cousin am Motorrad. Felix Nussbaums Selbstporträt im Versteck.
Wie groß das Versprechen des Porträts ist, zeigt die Publikumsbegeisterung für das Merkel-Staatsporträt, das gerade im Bode-Museum zu sehen ist. Warum wollen wir eine Person, die hunderttausendfach abgebildet wurde, noch einmal gemalt sehen? Weil sie hunderttausendfach abgebildet wurde, lautet die Antwort des Soziologen Georg Simmel. Der »verworrenen Wirklichkeit«, dem zufälligen Drunter und Drüber der alltäglichen Wahrnehmung, schrieb Simmel 1918, setze das Porträt den »umfriedeten Bezirk« der Kunst gegenüber. Jeden Tag versuchen wir uns einen Reim auf Gesichter zu machen, auf Mimik, Gestik und Kleidung von Menschen.
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