Umstrittene WM-Idee: Tuchel: "Niemand ist verletzter als ich"
1:0 führt England im Halbfinale der Fußball-WM gegen Argentinien, dann hat Thomas Tuchel eine Idee, die bei ihm eine tiefe Narbe verursacht: Beeindruckt vom wachsenden Druck des damals amtierenden Weltmeisters um den aufdrehenden Lionel Messi und besorgt um den Zustand seiner sichtbar ermattenden Spieler wechselt der Trainer in der 82. Minute Beton ein. Es kommen die Verteidiger Dan Burn und Nico O`Reilly, raus geht etwa Declan Rice. Schon zuvor war Abwehrspieler Ezri Konsa für den Torschützen Anthony Gordon gekommen.
Tuchel stellt auf eine Fünferkette um. Es ist der Versuch, sich mit letzter Kraft ins Endspiel zu retten. Der Plan geht schief, Argentinien trifft wenige Augenblicke nach dem Wechsel erst zum Ausgleich, tief in der Nachspielzeit folgt der K.o. für England. Die Three Lions sind am Boden und in den Stunden nach dem Spiel ergießen sich Spott und Wut über Tuchel. Zwei Monate später tut es noch weh.
"Ihr könnt versuchen, mich hier fertigzumachen. Aber es ist meine Narbe, nicht eure. Niemand ist mehr verletzt als ich, niemand wollte es mehr", sagte der deutsche Trainer in einer Dokumentation des englischen Verbandes. "Man kann endlos gequält werden und denken: ‚Hätte ich andere Auswechslungen vorgenommen, hätten wir das Spiel gewonnen.‘ Man weiß es einfach nicht." Tuchel sagte, England habe nach Gordons Führungstreffer in der 55. Minute "auf den Tod gewartet." Seine Mannschaft sei mit der Offensivtaktik der mit stetig wachsender Wut und Wucht anrennenden Argentinier nicht gut zurechtgekommen.
"Nach dem, was ich gesehen habe, und aufgrund der Erfahrung, der Informationen und des Ausmaßes an Verrücktheit, das Argentinien gezeigt hat – es war einfach ein offensiver Wechsel nach dem anderen. Das war meine Reaktion auf das Problem", erinnerte sich der Trainer an die wilden Minuten unter Dauerdruck. "Argentinien spielte dann sehr, sehr schnell. Entschuldigt die Ausdrucksweise, sie spielten Scheiß drauf-Fußball. Nach dem Motto: Wir haben nichts zu verlieren."
Ein weiterer Faktor für seine Entscheidung, eine offene Saalschlacht unter dem Dach des Stadions von Atlanta zu vermeiden, war die offensichtliche Ermüdung seines Teams, das zuvor durch einen strapaziösen Spiel- und Reiseplan gejagt worden war. Achtelfinale in der herausfordernden Höhenluft von Mexiko-Stadt, Verlängerung im Viertelfinale, gnadenlose Hitze in Miami. England ging auf dem Zahnfleisch.
"Natürlich hätte man offensivere Wechsel vornehmen können. Niemand weiß, was dann passiert wäre.
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