Niedrigwasser: Ein Tropfen auf den heißen Stein
Nach wochenlanger Trockenheit füllt sich der Rhein langsam wieder mit Wasser und macht Hoffnung auf Entlastung der Wirtschaft. Doch heißt das auch für die Fische und anderen Lebewesen, dass bald alles wieder gut ist?
Woche um Woche wurde von rekordverdächtigen Tiefstständen und Höchsttemperaturen berichtet. Die Temperatur sank über Tage nicht unter 24 Grad Celsius, und über einen einstelligen Rheinpegel bei Kaub zwischen Mainz und Koblenz wunderte sich irgendwann niemand mehr. Für Wassertiere und -pflanzen bedeutet Niedrigwasser vor allem einen Verlust von Lebensraum. „Die Biomasse im Rhein wird auf ein geringeres Wasservolumen zusammengedrängt“, sagt Christian Wolter, Gewässerökologe am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin, dazu. Das verbleibende Wasser heizt sich auf, und der Sauerstoffgehalt sinkt. Eine angespannte Situation, die Fischsterben nach sich zieht: In den Nebengewässern von Rhein, Mosel oder Neckar mehren sich die Berichte von toten Fischen.
Die Wassertemperatur ist für viele Wasserlebewesen nicht das einzige Problem: Wenn Niederschläge ausbleiben, konzentrieren sich Arzneimittel, Pestizide und andere Stoffe in den Gewässern und stellen einen zusätzlichen Stressfaktor dar.
Nun scheint der lang ersehnte Regen die Lage am Rhein zu entspannen. „Ich bin ganz froh darüber, wie der Regen gefallen ist“, sagt Ökologe Wolter. Denn Starkregen ist bisher ausgeblieben. „Wenn Regen über längere Zeit fällt, macht das den Boden wieder durchlässiger und öffnet das Kapillarsystem.“ Auf diese Weise nehme der Boden den Niederschlag auf und gebe ihn auch an kleinere Gewässer wieder ab, ungefähr wie ein Schwamm. Nach einer Trockenperiode ist der Boden sehr fest und nicht in der Lage, schnell große Mengen Wasser aufzunehmen. Das läuft dann oberflächlich ab und in die Flüsse und ist damit genauso schnell weg, wie es gekommen ist. Zusätzlich schleppt das Wasser Staub und Erde von Straßen und Feldern mit – Futter für die Mikroben im Fluss. Sie breiten sich aus und zersetzen das organische Material. Dabei verbrauchen sie den Sauerstoff im Wasser, der den Fischen dann fehlt. Grünstreifen zwischen Fluss und Umgebung würden diesen Partikeleintrag filtern, doch die fehlen vielerorts, vor allem an begradigten Flüssen wie dem Rhein.
Eigentlich sind Flüsse eingestellt auf den Wechsel zwischen Hoch- und Niedrigwasser. Wenn es warm wird, schwimmen Fische stromabwärts oder in kühlere Nebengewässer. Weniger mobile Arten wandern in Vertiefungen im Boden, sogenannte Kolken. Doch die Wanderwege der Fische sind durch in vielen Flüssen durch Staustufen, Wasserwerke und Dämme versperrt, die Uferbereiche bei Niedrigwasser unerreichbar. Denn wenn der Pegel sinkt und sich das Wasser in der Fahrrinne sammelt, sind Nebengewässer vom Hauptstrom abgekoppelt. Bliebe Niedrigwasser eine Ausnahme, würden sich die Ökosysteme vermutlich schnell davon erholen. Wiederkehrende Dürren könnten laut Gewässerökologe Frank Steinmann vom Landesfischereiverband Rheinland-Pfalz Populationen und die genetische Vielfalt jedoch dauerhaft zerstören.
Dabei war viel Mühe nötig, um dem Rhein zu dem Artenreichtum zu verhelfen, den er heute aufweist.
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