Vier junge Menschen tot - Mehr Trauer, als eine Kirche erträgt
Mittwochabend, kurz nach halb acht, in Biesenthal (Brandenburg). Nur noch schnell über die Straße gehen, dann bin ich zu Hause. Ich lasse vier Mopeds vor, die aus der ruhigen Seitenstraße auf die Bahnhofstraße knattern. Junge Leute auf ihren Simsons. Ich denke noch: „In zwei, drei Jahren sitzen unsere Kinder auch auf diesen Dingern.“
Zehn Minuten und eine Linksabbiegung später passiert der Unfall . Ein Autofahrer (61) zieht zum Überholen auf die Gegenfahrbahn, direkt in die Moped-Gruppe . Ein Mädchen (14) und drei Jungen (15, 16, 19) sterben. Ich kannte keinen der vier jungen Leute. Ich bin niemand, der hier als Betroffener trauert. Und ich kann mir selbst kaum erklären, warum mich diese Tragödie so umgehauen hat. Vielleicht hilft es, den Tag danach in Biesenthal zu beschreiben. Denn so wie mir ging es sehr vielen.
Noch vor wenigen Monaten hatte mir ein Jugendbetreuer vorgeschwärmt, was für eine schöne Simson-Kultur sich bei uns im Ort entwickelt habe. Wie begeistert die jungen Biesenthaler ihrem Moped-Hobby frönen. Wir sprechen kurz am Telefon und müssen beide schluchzen.
Die Trauerandacht um 18 Uhr in der Marienkirche in Bernau ist überlaufen. Nicht alle, die da sein wollen, kommen rein. Tränen, Tränen, Tränen. Pubertierende Jungs mit rot geweinten Augen, junge Mädchen, die von ihren Eltern im Arm gehalten werden müssen. Die Pastoren erklären nicht, versuchen erst gar nicht, Trost zu spenden. Sie laden schlicht ein, „zusammen zu trauern“. Das ist das erste Mal, dass ich an diesem Tag durchatme. Das war es, was ich brauchte. Zusammen trauern.
Wir dürfen nach vorn kommen, um Kerzen anzuzünden. Wir sind zu viele. Ab jetzt bitte keine Kerzen mehr, heißt es, weil es dann nicht mehr sicher sei. Blume um Blume wird abgelegt. In der Warteschlange sprechen wir gemeinsam das Vaterunser. Ein offizielles Ende der Feier gibt es nicht, weil die Schlange nicht endet.
Eine liebe Bekannte nimmt mich mit zurück nach Biesenthal. Ihr Sohn hat bei dem Unfall einen Kumpel verloren. Wieder rollen wir vorbei an der Unfallstelle. Polizei ist da. Dutzende Menschen. Blumen. Kerzen. Es werden mehr, bis in die Nacht. Jeder in Biesenthal ist betroffen: Denn jeder weint mit den Weinenden.
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