Tagebuch einer Hypochonderin - „Was, wenn es diesmal doch etwas Ernstes ist?“
Es kribbelt im linken Zeh? Ein normaler Mensch denkt: „Ah, der Schuh drückt.“ Ich denke: „Das war’s. Ein tropischer Nervenparasit. Restlebenszeit: drei Werktage.“ Mein Freund Moritz sagt immer: „Dich wird keine Krankheit umbringen, sondern der Stress, den du dir deswegen machst.“ Stimmt wahrscheinlich. Mein Lebensmotto lautet trotzdem: lieber einmal mehr zum Arzt als einmal zu wenig.
Heute Morgen bin ich aufgewacht, kein plötzlicher Herzstillstand mitten in der Nacht. Schon mal super. Auch der Blick in den Spiegel brachte keine Hiobsbotschaft. Und der Haarausfall von letzter Woche? Schon besser, aber noch unter Beobachtung.
Nur habe ich seit heute Mittag ein Ziehen im linken Unterbauch. Meine Periode kann es nicht sein, vielleicht eine Zyste? Der letzte Bauch-Ultraschall ist ein halbes Jahr her. Da meinte die Ärztin, dass alle Organe super aussehen. Aber in sechs Monaten kann viel passieren. Gedanklich liege ich schon in der Notaufnahme. Wenn das in zwei Wochen nicht weg ist, lasse ich es abklären. Meine Faustregel, die verhindert, dass ich jede Woche beim Arzt sitze.
Das Ziehen im Bauch ist noch da, aber es wird besser. Dafür habe ich ein TikTok-Video geschaut, in dem zwei Frauen ihre Beine vergleichen. Bei einer von ihnen bildeten sich Dellen unter der Haut, wenn sie sie zusammenkniff. Ein Lipödem . Selbsttest, Schweißausbruch, Schwindel. Bei mir ist das auch ein bisschen. Moritz meinte dann: „Wenn du dir Sorgen machst, geh zum Arzt.“ Mir ist das aber peinlich. Ich weiß ja, wie ich klinge.
Bei der Arbeit bin ich jeden Tag von Geschichten umgeben. Für mein Gehirn : Gefahrenhinweise. Sobald ich von einer Krankheit oder einem medizinischen Unglück lese, startet mein Kopf ein Ermittlungsverfahren. Ist die Person in meinem Alter? Lebt sie ähnlich wie ich? Hatte sie Vorerkrankungen? Kann mir das auch passieren?
So war das z. B., als ich die Geschichte einer Influencerin las, die mit Kontaktlinsen duschen ging und erblindete. Grund waren Akanthamöben, die sich u. a. in Wasser tummeln. Auch in Deutschland. Da schrillten bei mir alle Alarmglocken. Das kann mir, selbst Kontaktlinsenträgerin, auch passieren. Ein Experte ordnete ein: Höchstes Risiko hätten Menschen mit Monatslinsen und All-in-One-Lösungen zum Reinigen. Ich trage seitdem Tageslinsen.
Gerade bin ich mit Moritz auf Mallorca . Neben Bikini und Badehose haben wir versehentlich eine hartnäckige Erkältung eingepackt und mein linkes Ohr schmerzt seit heute total. Zwei Tage vor dem geplanten Schnorchelausflug und drei vor dem Rückflug. Was, wenn das eine Mittelohrentzündung wird? Dann kann ich nicht fliegen! Wie soll ich bitte nach Hause kommen?
Wenn es mir ausnahmsweise gut geht, meldet sich zuverlässig meine Haut . Eine komische rote Stelle, ein auffälliges Muttermal. Zeitnah einen Termin beim Hautarzt zu bekommen, ist aber so realistisch wie eine Wohnung in Berlin für 500 Euro warm. Also habe ich mir heute vorsorglich einen für in drei Monaten gebucht. Kann ich ja noch absagen.
Ich schlürfte vorhin meinen Eistee, als ich an die Geschichte über den Mann denken musste, der fast wegen eines Glasstrohhalms gestorben ist , weil ein Splitter abgebrochen war.
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