ZDH-Präsident Jörg Dittrich - Hat Deutschland zu viele Akademiker?
Berlin – Kaum eine Branche ist für Deutschland so wichtig, wie das Handwerk. Es gibt rund eine Million Betriebe mit sechs Milliarden Beschäftigten, die 760 Milliarden Euro Umsatz machen. Doch das Handwerk hat Nachwuchsprobleme und sieht sich von der Politik häufig nicht genug beachtet. Ein Gespräch mit Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands der Handwerker.
BILD: Herr Dittrich, wenn Sie einem 16-Jährigen erklären müssten, warum er eine Ausbildung im Handwerk machen sollte, was würden Sie ihm sagen?
Jörg Dittrich: Als Erstes würde ich vom sozialen Miteinander in den Familienbetrieben des Handwerks schwärmen. Das ist etwas ganz Besonderes. Arbeit und Leben gehen dort ein Stück weit ineinander über, man ist füreinander da. Außerdem sieht man jeden Tag unmittelbar, was die eigene Arbeit bewirkt. Zusätzlich bietet das Handwerk Sicherheit. Viele Tätigkeiten werden sich durch Technologie stark verändern oder teilweise ersetzt werden. Im Handwerk sehe ich eher sichere Arbeitsplätze. Unsere Berufe macht die Technologie sogar spannender: Wir arbeiten mit KI und 3D-Druck, ohne dass der handwerkliche Anteil verschwindet. Es entstehen völlig neue Berufsbilder. Den Elektroniker für Gebäudesystemintegration beispielsweise gab es vor wenigen Jahren noch gar nicht.
Weil wir über viele Jahrzehnte ein falsches Bildungsmantra gepflegt haben: Beruflichen Erfolg und Wohlstand erreicht man nur über Abitur und dann anschließend ein Studium. Jetzt stellen wir fest, dass Wohlstand, Sicherheit und berufliche Entwicklung eben nicht allein an einem Studium hängen. Berufliche Bildung muss eine Renaissance erleben. Sie ist eine große Stärke Deutschlands und ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber vielen anderen Ländern. Das sollten wir weiterentwickeln und unterstützen.
Haben wir zu viele Akademiker und zu wenige Handwerker in Deutschland?
Wir müssen zunächst akzeptieren, dass durch den demografischen Wandel insgesamt weniger junge Menschen nachrücken. Würden wir sämtliche offenen Stellen im Handwerk besetzen, fehlten diese Menschen möglicherweise an anderer Stelle, etwa als Lehrer, Polizisten oder in anderen Bereichen. Bei der Frage nach dem richtigen Bildungsweg sollte daher im Mittelpunkt stehen, dass junge Menschen einen Beruf wählen, der ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Denn ich glaube, dass inzwischen zu viele junge Menschen studieren, die eigentlich an anderer Stelle besser aufgehoben wären. Einerseits, weil die Gesellschaft sie dort dringender braucht. Andererseits, weil ihre Talente vielleicht gar nicht im akademischen Bereich liegen.
Welches Vorurteil über das Handwerk würden Sie am liebsten aus der Welt schaffen?
Eigentlich zwei. Erstens die Vorstellung, Handwerk bestehe aus einfachen Tätigkeiten, die man sich schnell aneignen könne. Ich bin selbst Dachdeckermeister. Was heute auf einem Dach passiert, hat mit der Arbeit vor 30 Jahren nur noch wenig zu tun. Handwerk ist eben nicht einfach nur schwer und körperlich. Es ist vielfältig, anspruchsvoll und innovativ. Das zweite Vorurteil betrifft die angeblich schlechten Verdienstmöglichkeiten. Auch das hat sich massiv verändert. Im Handwerk kann man gutes Geld verdienen.
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