Raketen-Alarm, Gedenken! - Und dann spricht Wadephul vom Ukraine-Sieg
Kiew – 9 Uhr, Samstagmorgen. Kiew steht still. Wie fast jeden Morgen um 9 seit Kriegsbeginn: Schweigeminute für die Gefallenen. Und mittendrin steht Deutschlands Außenminister Johann Wadephul (63, CDU) auf dem Majdan, dem zentralen Platz der ukrainischen Hauptstadt. Neben ihm Ukraine-Außenminister Andrij Sybiha. Vor ihm eine meterlange Wand aus blau-gelben Fahnen, Fotos von getöteten Soldaten. Es sind Hunderte Gesichter. Oft junge Gesichter.
Wadephul verharrt einen Moment, stellt eine Kerze ab. Dann geht alles rasch: zurück in den gepanzerten Wagen, Türen zu und weg. BILD ist beim Überraschungsbesuch des Außenministers dabei, fuhr mit ihm im Schlafzug neun Stunden durch die Nacht von Polen bis in die ukrainische Hauptstadt.
„Wir unterstützen die Ukraine weiterhin“, sagt Wadephul bei seiner Ankunft am Samstagmorgen am Kiewer Bahnhof. Und: „Sie wird diese militärische Auseinandersetzung gewinnen.“ Wie genau das gelingen soll, darum geht es bei Wadephuls Besuch hinter verschlossenen Türen.
Die Sonne brennt schon am Morgen. Über ein Dutzend gepanzerte SUVs bringen Wadephul, seinen Stab, Wirtschaftsvertreter und die Presse durch die Stadt. Immer wieder blockieren Autos den Weg. Die SUV-Fahrer hupen, rasen, bremsen abrupt. Dauerstress. Die Angst vor einem Angriff ist groß.
Der Tag ist durchgetaktet. Im Außenministerium verspricht Wadephul: „Ihr könnt Euch auf Deutschland verlassen.“ Und: Er führe Gespräche wegen neuer Patriot-Abwehrsysteme. „Das ist noch lange keine Zusage, aber ich bin zuversichtlich, dass wir etwas erreichen können“, so der Außenminister. Er werde auch mit US-Außenminister Marco Rubio darüber sprechen. Denn die Ukraine braucht dringend mehr Patriot-Raketen, um Russlands Angriffe abzuwehren.
Dann der Schreckmoment. Wadephul sitzt gerade bei einer Veteranen-Veranstaltung mit Präsident Wolodymyr Selenskyj (48), als plötzlich überall Handys schrillen. Auch das des BILD‑Reporters: Ballistische Raketen im Anflug! Doch niemand der Ukrainer rührt sich. Nach viereinhalb Jahren kennen sie das Grauen. Die Raketen schlagen in einem Vorort ein, rund 30 Kilometer entfernt. Ein Mensch stirbt. Allein im Juli starben über 400 ukrainische Zivilisten.
Wadephul verspricht deshalb 50 Millionen Euro für humanitäre Hilfe. Auch will Deutschland helfen, die ukrainische Energieinfrastruktur für den Winter zu schützen.
Der Außenminister-Tross brettert weiter durch die Stadt, zur deutschen Botschaft. Die Bürgersteige wirken leer. Viele Kiewer seien wegen des langen Feiertagswochenendes (Unabhängigkeitstag) wohl im Umland, heißt es. Die Stadt wirkt friedlich. Wie eine gewöhnliche europäische Metropole. Nicht wie ein Kriegsgebiet. Doch nur auf den ersten Blick.
Plötzlich reißt die Realität die Delegation zurück in den Krieg: wieder Raketen-Alarm! Da ist es gerade mal 13 Uhr. Aus einem Wohnturm rennen die Menschen auf die Straße, wollen sich in einem Schutzraum in Sicherheit bringen. Nach wenigen Minuten kommt die Entwarnung. Die Menschen drehen sich um, verschwinden wieder in ihren Häusern. Aufatmen, den Alltag fortsetzen – bis zum nächsten Alarm.
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