Suche nach neuer Arktis-Strategie: Merz am Polarkreis
Rund um den Nordpol ist Europa verwundbar wie nie zuvor: Der Klimawandel ermöglicht neue Seewege - auf die Russland und China setzen.
Der Außenkanzler besucht die Arktis, während es innerparteilich brodelt. Zwei Tage ist er am Polarkreis, um Europas Verteidigungsstrategie zu beraten. Der EU-Arktis-Gipfel in Rovaniemi, der Hauptstadt des finnischen Lapplands, gilt als dringend für alle Teilnehmer - egal, was gerade daheim los ist. Die Nordost-Flanke des Kontinents ist hier oben im höchsten Norden akut bedroht durch das angrenzende Russland .
Um darüber zu sprechen, war Friedrich Merz schon im Mai 2025 nach Finnland geflogen, keine drei Wochen nach seiner Wahl zum Kanzler. Der dortige Ministerpräsident Petteri Orpo hält die Lage für so brisant, dass auch er fordert, die Arktis-Politik der EU fundamental neu auszurichten.
Auf Orpos Einladung treffen sich dazu nun etliche Regierende der europäischen Nachbarstaaten mit Spitzen der EU . Kommissionschefin Ursula von der Leyen hat soeben am Montag auf Grönland einen ständigen Sitz der EU eröffnet als Zeichen europäischen Machtanspruchs. Die Arktis sei zu einem Ort geworden, sagte sie, an dem "die tektonischen Platten der Geopolitik aufeinanderprallen".
Bisher galt für die EU der Klimawandel als größte Sorge in der Arktis. Die jüngste EU-Arktis-Strategie - Schutz von Umwelt, Ökosystem und der indigenen Bevölkerung - stammt von 2021. Russlands Angriff auf die Ukraine und auch Donald Trumps geopolitische Gier auf Grönland haben Europas Arktis-Pläne umgehend zu Makulatur werden lassen. "Die Arktis steht im Zentrum einer geopolitischen Neuorientierung", heißt es im Kanzleramt.
In Lappland soll die bisherige EU-Strategie nun um Geo-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik erweitert werden. Der fortschreitende Klimawandel spielt dabei eine treibende Rolle. Weil das Packeis schmilzt, entstehen neue, strategisch viel kürzere Seewege. Zudem werden gigantische Vorkommen an kritischen Rohstoffen förderbar.
Das hat Begehrlichkeiten geweckt, sichtlich aggressive: Russland rüstet seine arktischen Küsten auf, China zieht neue Handelsrouten für seine Containerschiffe gen Europa und auch die USA erheben Ansprüche. Kanzler Merz warnt vor dieser multiplen Bedrohung. Zum Gipfeltreffen wird aus dem Kanzleramt Druck gemacht:
Für Deutschland ergäben sich "neue Verantwortungen". Dazu zähle "ein unabhängiger Zugang zum Weltraum", heißt es in der Bundesregierung, wo konkrete Maßnahmen genannt werden: "Im Verbund bilden Norwegens Weltraumzentrum Andøya mit der deutschen Orbital-Trägerrakete von Isar Aerospace und Schwedens Space Center Europas Tor zum All im Hohen Norden."
Der innenpolitisch schwer angeschlagene Kanzler will Lappland als Bühne nutzen, um Führungsstärke zu demonstrieren: Der tauende Polarkreis dürfe nicht den vermeintlichen Großmächten überlassen werden. Die künftige EU-Arktis-Strategie soll möglichst bis Weihnachten stehen.
Wozu wiederum der Gipfelort passt: In Rovaniemi ist nämlich auch das "Hauptpostamt des Weihnachtsmanns". Dort erhalten als Wichtel und Elfen verkleidet Bedienstete Millionen Wunschzettel aus aller Welt.
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