Politische Gräben vertiefen sich - Immer mehr Hass auf Andersdenkenke
Berlin – Bis vor wenigen Jahren galt in Deutschland der Grundsatz: Wir können verschiedener Meinung sein, sind deshalb aber noch lange keine Feinde. Seit 2020 ist die gegenseitige Abneigung nun aber regelrecht explodiert. Das liegt vor allem an Anhängern zweier Parteien, die hin und wieder auch miteinander koalieren. Wie eine Untersuchung des ifo-Instituts Dresden zeigt, schlagen politische Unterschiede immer häufiger in persönlichen Hass um. Laut Studie beruhen 65 Prozent der wachsenden Spaltung auf emotionaler Ablehnung, nur 35 Prozent auf echten inhaltlichen Unterschieden. „Was den Anstieg nach 2020 ausgelöst hat, lässt sich nicht abschließend klären, da mehrere Entwicklungen zeitlich zusammenfallen, darunter die Covid-19-Pandemie, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der Bruch der Ampelkoalition“, sagt Studienleiterin Klara Lehmann zu ihrem Befund.
Besonders bitter: Menschen lehnen Anhänger anderer Parteien zunehmend nicht wegen einzelner Positionen ab, sondern als Personen. Es gibt Misstrauen, Skepsis, Rückzug. Mittlerweile spiegelt sich die neue politische Realität auch in den Wahlprogrammen der Parteien wider, sagt der Freiburger Politikwissenschaftler Prof. Dr. Uwe Wagschal (60) im Gespräch mit BILD. Für die Entscheidungshilfe „WahlSwiper“ hatte er die Parteien zur Berliner Abgeordnetenhauswahl mit einem umfangreichen Fragenkatalog konfrontiert. Das Ergebnis: CDU und Grüne stimmen nur in 16 Prozent der Positionen überein, Linke und Grüne dagegen in fast 90 Prozent der Fälle. Wagschal weiter: „Das eigentlich Überraschende ist: Nicht die AfD treibt den jüngsten Anstieg der emotionalen Polarisierung, sondern der Konflikt in der politischen Mitte.“ Die AfD habe bereits seit ihrer Gründung 2013 stark polarisiert.
Gerade für CDU/CSU berge die Lage Risiken, betont der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Werner Patzelt gegenüber BILD. Nachdem sich die Union jahrelang bei vielen Positionen an den Grünen orientiert habe, bemühe sie sich laut Patzelt nun um einen „wählerattraktiveren Kurs“. Doch wenn die Union inhaltlich auf Distanz gehe, gleichzeitig aber mit den Grünen koaliere (etwa in NRW, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein), sorge das auf allen Seiten für Skepsis. Patzelt in Bezug auf die Union weiter: „Sie droht im Spannungsfeld zwischen dem linksgrünen Pol des deutschen Parteiensystems und der AfD zerrissen zu werden.“
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