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Spektakuläres Norwegen: „Bist du vorbereitet auf das, was dort oben kommt?“

Frankfurter Allgemeine Zeitung ·
Spektakuläres Norwegen: „Bist du vorbereitet auf das, was dort oben kommt?“

Als ich aus dem Zug steige, peitscht mir der Regen ins Gesicht. Erschrocken fliehe ich ins Hotel am Bahnsteig, sinke mit einer Tasse Kaffee ins Sofa und schaue erst mal über den Bergsee. „Finse 1222“ steht über dem Eingang des altehrwürdigen Hauses, ein Verweis auf die Höhenmeter des alpinsten Bahnhofs in Norwegen. Drei Zugstunden östlich von Bergen beginnt hier eine der angeblich schönsten Wanderungen des Landes. Knapp 50 Kilometer werde ich in den kommenden drei Tagen bis nach Vassbygdi wandern, den Großteil davon durchs Aurlandsdalen, gerühmt als „Grand Canyon Norwegens“.

Es klingt ein wenig nach Auenland, aber der Auftakt lässt eher an Mordor denken. Jenseits der Gleise steige ich auf in ein abweisendes Bergland aus Felskuppen und Geröll. Dunkle Wolken jagen tief über die rundgeschliffenen Berge, Regen prasselt, Windböen rupfen die wasserdichte Hülle vom Rucksack. „Bist du vorbereitet auf das, was dort oben kommt?“, fragt ein entgegenkommendes Paar in Mützen und Handschuhen.

Ich zurre die Regenhülle fest und fluche. Doch als ich zurückblicke, lichten sich gerade die Wolken über dem See. Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch, der riesige Gletscher Hardangerjøkulen mit seinen schrundigen Zungen glänzt zwischen dunklen Felsen. Ringsum leuchten die Hänge grün und orange auf, Fluss und See glitzern. In Sekunden verwandelt sich Tristesse in Erhabenheit.

Steinmännchen mit rotem T weisen den Weg über Felsplatten und Schneefelder. Manche ähneln Minipagoden, andere Runensteinen. Die lückenlose Markierung erstaunt, eigentlich lieben die Norweger ihre Wildnis so ungezähmt wie möglich. Immer höher führt die Route bis zur Scharte unter dem Sankt Pål. Mit 1695 Metern mag der Gipfel mickrig klingen, aber die Bergwelt aus Fels und Eis wirkt hochalpin, das natürliche Habitat für Trolle und Riesen. Dahinter beginnt der Abstieg entlang des bildschönen Bergsees Omnsvatnet, durch Feuchtwiesen, auf denen Wollgras zittert.

Schon von Weitem sehe ich die Geiterygghytta auf ihrem Logenplatz über dem gleichnamigen See. Die Berghütte gehört dem norwegischen Wanderverein DNT, doch im Gemeinschaftsraum mit gemauertem Kamin und schicken Sofas fühlt man sich wie in einer teuren Lodge. Der Speisesaal ist zum Abendessen voll besetzt, an meinem Tisch sitzen vier Niederländer, zwei Studentinnen aus den USA und eine Rentnerin aus Oslo. Alle folgen derselben Route.

„Die Tour wird jedes Jahr beliebter“, sagt Torill Opedal Hauge, die mit ihrem Ehemann die Hütte leitet. „Früher hieß sie vom Berg zum Fjord, aber seit 2023 wird sie Medvind genannt. Denn im besten Fall wandert man immer mit dem Wind.“

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