Acker statt All-inclusive - Ich fahre im Urlaub Mähdrescher
Grevesmühlen – Wer Dennis Rechner (44) fragt, wohin es in den Urlaub geht, staunt über die Antwort: Nicht ans Meer, nicht in die Berge – den Energieelektronik-Meister aus Schleswig-Holstein zieht es auf die Felder. Genauer gesagt: auf den Mähdrescher.
Seit Jahren nimmt der Mitarbeiter der Schleswig-Holstein Netz GmbH im Sommer drei bis vier Wochen frei, um bei der Ernte zu helfen. Denn was für viele nach Arbeit klingt, ist für Dennis Erholung: „Ich kann da abschalten, mal nicht an die Arbeit denken.“
Die Leidenschaft für die Landwirtschaft begleitet ihn schon seit seiner Kindheit: „Ich verbrachte die Ferien immer auf dem Bauernhof meiner Großeltern, wollte ihn später sogar übernehmen“, sagt er. Auf Anraten seiner Eltern wurde Dennis schließlich Elektriker.
Von den riesigen Erntemaschinen, auf denen er schon als Junge mit seinem Vater Karl-Heinz fuhr, kann er trotzdem nicht lassen: „Gleich mit 18 hab’ ich mit dem Führerschein auch die Klasse T für Traktoren abgelegt.“ Mit seinem Vater wollte er eines Tages mal gemeinsam eine Ernte einfahren. Doch dazu kam es nie: Dennis’ Vater starb überraschend.
Im Sommer 2018 erfüllte sich Dennis schließlich den Traum vom Mähdreschen: „Ich ließ mich ein halbes Jahr vom Arbeitgeber freistellen und ging nach Kanada.“ Auf einer Farm in Alberta saß er endlich erstmals selbst in der Fahrerkabine. Ein Sommer ohne Ernte ist für Dennis seitdem nicht mehr denkbar. Er arbeitet für Dienstleister, die Maschinen und Arbeitskräfte an Agrarbetriebe vermitteln. Erst in Holtsee, später bei Stralsund, auf der Ostseeinsel Fehmarn und in Thüringen.
Zurzeit drischt Dennis die Weizenfelder bei Grevesmühlen (Mecklenburg-Vorpommern). 12 bis 20 Stunden sitzt er pro Tag in der klimatisierten Fahrerkabine des Claas Lexion 8900. Dank modernster Technik wird jedes Korn erfasst: „Richtig eingestellt fährt er dank GPS wie von allein.“ Reich werde er durch seinen Nebenjob im Urlaub nicht: „Der Stundenlohn liegt bei 16 bis 22 Euro. Aber ich mache es ja, weil es mir Spaß macht.“
In den Erntewochen zwischen Anfang Juli und Mitte August zählt dabei jede trockene Stunde. Denn das Getreide muss eine Feuchte von unter 14 Prozent haben, um später nicht zu schimmeln. Zwingt das unbeständige Wetter Dennis zur Dresch-Pause, wird auch Heimweh ein Thema: „Der Abschied von meiner Frau Marlene fällt mir schon schwer, deshalb wollte ich nach drei Sommern in Südthüringen dieses Jahr auch nicht ganz so weit weg“, gesteht er.
Worauf sich Marlene (38) einließ, wusste sie allerdings ganz genau: „Als wir am 7. Juli 2023 geheiratet haben, ging es nicht etwa auf die Seychellen, sondern auf Hochzeitsreise nach Straufhain, zum Mähdrescherfahren in Thüringen“, sagt sie lachend. „Ich weiß, was Dennis die Landwirtschaft bedeutet, habe ihn mit diesem Hobby kennen und lieben gelernt. Deshalb ist es für mich selbstverständlich, ihm da den Rücken freizuhalten, mich um Haus und unsere Hündin Maja zu kümmern.“
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