Julia Ruhs – Meine Meinung - Wir sortieren heimlich Behinderte aus und reden von Menschenwürde
Wir pochen auf die Menschenwürde, geloben, jedes Leben sei gleich viel wert, empören uns über Menschenfeindlichkeit und mangelnde Inklusion. Und sortieren menschliches Leben dann doch aus, sobald es um Behinderung geht. Das ist scheinheilig.
Letztens las ich wieder die hehren Sätze, dass jeder Mensch gleich wertvoll und ein „Ebenbild Gottes“ sei. Die Würde des Menschen sei unantastbar, auch dieser Satz fehlte nicht, und so steht es ja ganz vorne in unserem Grundgesetz. Wir sind ein Land, das sich viel auf diese Worte einbildet. Und doch habe ich den Zweifel, ob wir uns damit nicht scheinheilig in die Tasche lügen. Es geht um Menschen mit Behinderungen. Sie werden bei uns diskriminiert, wir schauen nur nicht gerne hin.
Vor ein paar Tagen waren die sogenannten nichtinvasiven Pränataltests Thema im Bundestag . Sie untersuchen, ob das ungeborene Kind Veränderungen im Erbgut haben könnte. Es geht vor allem um Trisomie 13, 18 und 21 – Trisomie 21 kennt man auch besser als das Down-Syndrom.
Dieser Test ist freiwillig, aber seit 2022 zahlt ihn die Kasse. Er ist risikolos, das ist das Gute daran. Man untersucht das Blut der Schwangeren auf Zellen und damit auf Chromosomen des Kindes. Nach einer Erhebung der Barmer Krankenkasse macht inzwischen jede zweite Schwangere diesen Trisomie-Test. Für eine freiwillige Untersuchung ist das eine beachtliche Quote.
Schätzungen gehen davon aus, dass neun von zehn Schwangerschaften abgebrochen werden, wenn Trisomie 21 im Raum steht. Der Bluttest droht diesen Trend noch zu verstärken, obwohl er fehleranfällig ist, gerade bei jüngeren Frauen. Ein Verdacht steht jetzt im Raum: Sortieren wir menschliches Leben aus, und die Krankenkassen befeuern das sogar? Ein Expertengremium soll die gängige Praxis jetzt überprüfen, entschied der Bundestag quer durch die Fraktionen.
Es gibt nachvollziehbare Gründe, ein behindertes Kind nicht zu bekommen. Auf individueller Ebene ist vieles nachvollziehbar. Es ist deshalb nicht fair, Menschen zu verurteilen. Aber es ist ein Widerspruch in unserer Gesellschaft. Öffentlich sagen wir, dass Menschen mit Behinderungen dazugehören, dass man sich einsetzen müsse für Inklusion und Vielfalt. Wir geben uns empört, wenn die AfD wie in Sachsen-Anhalt Inklusion infrage stellt, Björn Höcke bei Kindern mit Behinderungen von einem „Belastungsfaktor“ spricht. Menschenfeindlich finden wir das dann. Aber privat sagen auch wir, dass so ein Kind nicht ins Leben passt. So werden am Ende Fakten geschaffen.
Der Schauspieler Sebastian Urbanski, der mit dem Down-Syndrom geboren wurde, sagte 2017 einmal in einer Rede vor dem Bundestag zum Holocaust-Gedenktag: „Hätte ich damals gelebt, wäre ich auch betroffen gewesen. Heute bringt man uns zwar nicht mehr um, aber Babys mit Downsyndrom werden abgetrieben. Das ist eigentlich das Gleiche.“
Natürlich sind die Umstände andere. Aber die Geschichte verpflichtet uns auch, aufmerksam zu sein, wenn sich die Vorstellung vom wertvollen und weniger wertvollen Leben wieder einschleicht – in anderer Form, unter anderen Bedingungen. Und diese Vorstellung hat sich wieder eingeschlichen. Oder viel eher, so glaube ich: Sie war nie weg.
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