Kolumne: Beisenherz: Zehn Minuten, ein Leben: Was ich aus dem einstürzende Haus retten würde
Als er von Mietern in Hamburg hört, die in zehn Minuten ihre Wohnung räumen müssen, fragt sich Micky Beisenherz: Was würde ich mitnehmen? Habseligkeiten.
Sie sind oft nicht nur schön, sie klingen auch so.
Deshalb wurden sie im Jahr 2004 von einer Jury aus Deutschem Sprachrat und Goethe-Institut zum schönsten deutschen Wort gewählt.
Die Kombination aus Besitz („haben“) und einem fast schon religiösen Heilsversprechen („selig“) muss den Ausschlag gegeben haben, diesem Wort besonderen Wohlklang zuzusprechen.
Ob die Bewohner des Hauses in der Hamburger Holstenstraße 197 Zeit hatten, über die Herleitung der Habseligkeiten nachzudenken, ist fraglich.
Sie hatten gerade einmal zehn Minuten Zeit, ebendiese zu greifen, als die Feuerwehr das einsturzgefährdete Gebäude evakuierte.
Menschen, die seit rund 25 Jahren dort wohnen.
Was nimmt man da mit? Was kann man da mitnehmen? Abschrauben, rausreißen, einrollen, falten, einwickeln? Horror.
Was würde ich tun? Wie ich mich kenne, würde ich von den zehn Minuten circa neun darauf verwenden, den Vermieter zu verfluchen, mich überhaupt in eine solche Situation gebracht zu haben.
Aber dann? Welche Artefakte machen mich aus? Was definiert mich? Sind es die drei, vier Gitarren, die sträflich unterspielt sind? Sind es besondere Werke, die ich aus meiner gänzlich ungeordneten Bücherwand ziehen müsste? Das signierte Larry-David-Poster? Das AC-Milan-Trikot, das ich in Australien gekauft habe? Die anderen 300 Fußballshirts, die ich sonst wo erstand? Die zahllosen Rollkragenpullover? Sakkos? Gibt es Stücke, die mich in ihrer Einzigartig- und Unwiederbringlichkeit definieren? Ich mein, das meiste kann ich wieder kaufen, oder? Kunst, ja, die hätte einen berechtigten Rettungsanspruch.
Ein Gerhard Richter ist mir an meinen Wänden aber bislang nicht aufgefallen.
Auch beim Klamottenstapel auf dem Eames Chair im Schlafzimmer handelt es sich eher um eine kunstvoll drapierte Reflexion der konsumistischen Eskapaden in unserem Haushalt.
Okay, der ebenfalls kauf- und sammelwütige Elton John trägt seit einiger Zeit seine chirurgisch entfernten Kniescheiben als Amulett mit sich herum.
Der kann sich wirklich nicht von Dingen trennen.
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