Paläopathologie: Hauptströmungen der Ötzi-Forschung
Ganz anders bei Ötzi. Der durch natürliche Prozesse konservierte Leichnam, den Bergwanderer am 19. September 1991 auf dem Tisenjoch an der Grenze zwischen den Ötztaler Alpen und dem Südtiroler Schnalstal in 3210 Metern Höhe entdeckten, war allein in den vergangenen zwölf Monaten Gegenstand von sechs neuen wissenschaftlichen Publikationen. Auch 35 Jahre nach seiner Entdeckung findet man immer wieder Neues über ihn heraus.
Zuletzt hatten Forscher im Juni dieses Jahres über die Identifizierung von Bakterien in Ötzis Darm berichtet sowie über kälteaffine Hefen, die sie auf dem Körper gefunden hatten. Einige davon gediehen ausgerechnet durch Verstoffwechseln einer Chemikalie, mit der Ötzi anfangs konservatorisch behandelt worden war – nachdem sich herausgestellt hatte, dass es sich nicht um einen verunglückten Bergsteiger der Neuzeit handelt, sondern um einen Mann aus der ausgehenden Jungsteinzeit, rund 5200 Jahre alt.
Das war die erste Neubewertung des Fundes vom Tisenjoch, aber längst nicht die letzte. Tatsächlich ist die Erforschungsgeschichte des Ötzi ein Traum für Erkenntnistheoretiker, die Naturwissenschaft für ihre ständige Offenheit für die Korrektur ihrer Aussagen im Lichte neuer Empirie preisen.
So stellte man sich zehn Jahre lang vor, Ötzi könnte ein Hirte gewesen sein, der im Frühherbst beim Almabtrieb seiner Tiere von schlechtem Wetter überrascht wurde und erfror. Dann erkannte man 2001 auf Röntgenaufnahmen eine steinerne Pfeilspitze in seiner Schulter, in der Gegend einer Arterie, deren Beschädigung ein Verbluten zur Folge hat. Der Mann war Opfer einer Gewalttat. Zwei Jahre später ergaben A nalysen von Pollen in seinem Verdauungstrakt einen Todeszeitpunkt im Frühjahr – und 2014 erschienen paläobotanische Untersuchungen , denen zufolge zu Ötzis Zeiten im Alpenraum noch gar keine Almwirtschaft betrieben wurde.
Dann kamen die Genanalysen. Die Sequenzierung von DNA-Resten aus archäologischem Material war erst in den Nullerjahren praktikabel geworden und 2012 erschien die erste Analyse von Ötzis Kern-Genom. Es bestand zu 7,5 Prozent aus Erbanlagen, die sich in den Abkömmlingen von Einwanderern aus der Grassteppe nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meeres nach Europa finden. Eine Sensation, denn diese Wanderungsbewegung begann archäologischen Befunden zufolge erst Jahrhunderte nach Ötzis Tod. Aber was war die Wissenschaft der Tonscherben und Pfostenlöcher schon gegen moderne Genetik.
Allein, Ötzis Steppengene waren ein Artefakt, Folge einer Kontamination mit moderner DNA, mutmaßlich von den Personen, die Ötzi noch auf dem Tisenjoch und später in der Innsbrucker Gerichtsmedizin buchstäblich in den Händen hatten. Das wurde aber erst 2023 klar, als eine Neusequenzierung die Kontaminationsanteil auf 0,5 Prozent drücken und Ötzis DNA zu mehr als 90 Prozent rekonstruieren konnte.
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