Volleyball-EM der Frauen: Angriff auf das Minimalziel
Einen Vorteil hatte die schwere Vorrundenauslosung für die deutschen Volleyball-Frauen bei der Europameisterschaft: Sie müssen nach der Gruppenphase nicht umziehen. Der Spielort Istanbul mit dem stimmungsvollen Sinan Erdem Dome, der Platz für 16.500 Zuschauer bietet, wird ihnen in allen K.-o.-Spielen erhalten bleiben – solange sich das Team um Kapitänin Camilla Weitzel im Turnier behauptet –, im günstigsten Fall bis ins Finale.
Am Standort Istanbul weiterspielen zu können, wertet Weitzel in gewisser Weise sogar als Heimvorteil, schließlich fungiert Bundestrainer Giulio Bregoli in seinem Hauptjob als Coach des europäischen Spitzenklubs Eczacıbaşı Istanbul – zu dem auch Weitzel in der kommenden Saison wechseln wird. Zudem sei das Volleyball-Feeling wesentlich intensiver als an den anderen drei weit über den Kontinent verstreuten EM-Standorten Brünn (Tschechien), Göteborg (Schweden) und Baku (Aserbaidschan).
Nun kommt es nur noch darauf an, sich von der bisweilen feurigen Atmosphäre gewinnbringend inspirieren zu lassen. „Es hat sehr viel Spaß gemacht, vor voller Halle zu spielen“, sagte Libera Annie Cesar schon nach der Niederlage gegen den gastgebenden Weltranglisten-Dritten Türkei am Mittwochabend. Doch es sei natürlich „superschwer, gegen die Türkei zu Hause zu gewinnen“. Immerhin sprang beim 1:3 (21:25, 27:25, 20:25, 19:25) ein Satzgewinn heraus – und die Gewissheit, phasenweise mithalten zu können.
„Wir haben gezeigt, dass wir gegen jeden gewinnen können“, hatte Ko-Kapitänin Lina Alsmeier schon vor der EM angekündigt – und sich dabei auf die vorangegangenen Erfahrungen bei der Volleyball Nations League bezogen. „Wir können aber auch gegen jeden verlieren“, schränkte sie die Begeisterung über das eigene Leistungsvermögen sogleich ein.
Beim Bestreben, das Bestmögliche aus dem Team herauszuholen, räumte auch Bundestrainer Giulio Bregoli schon vor dem Turnier ein, dass „Nationalteams eine andere Geschichte erzählen“. Drei Monate lang sei man sehr eng zusammen – in diversen Trainingslagern, bei den Spielen der Nations League und nun während der EM. Doch das restliche Jahr sehe man sich so gut wie nie. Im Gegensatz dazu könne man mit seiner Vereinsmannschaft ein Dreivierteljahr lang arbeiten – und wesentlich strukturierter aufbauen.
Der Erfolg mit seiner Vereinsmannschaft gibt Bregolis Theorie recht: Mit Eczacıbaşı Istanbul erreichte er in diesem Sommer das Finale der Champions League, unterlag erst im Istanbuler Endspiel in der Ülker Sports Arena dem Lokalrivalen VakıfBank mit einem 1:3 – auch dies ein Zeichen für den hohen Stellenwert des Frauen-Volleyballs in der Türkei.
Dass auch Weitzel in der kommenden Saison bei Eczacıbaşı spielen wird, kann als Zeichen der Wertschätzung für den deutschen Volleyball gewertet werden. Auch neun weitere Spielerinnen des 14er-Kaders treten im Alltag für europäische Spitzenklubs ans Netz.
Camilla Weitzel, die vor ihrem Wechsel in die Türkei schon fünf Jahre in Italien agierte, sieht als größten Gewinn ihrer Auslandserfahrung das veränderte Mindset an.
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