Deutschland und der Kolonialismus: Wo bleibt die Aufarbeitung?
Er sitzt in der ersten Reihe der Gästetribüne im Bundestag , in Anzug und Hut, angereist aus Namibia : Gaob D. Timotheus Frederick. Seine Familie wartet seit fast 120 Jahren auf die Rückgabe der menschlichen Überreste ihres Vorfahren: Cornelius Frederick hatte für die Nama Widerstand geleistet gegen die deutsche Kolonialmacht . Er starb im ersten deutschen Konzentrationslager der Geschichte auf Shark Island.
Sein Urenkel ist Mitglied der Nama Traditional Leaders Association (NTLA). Er fordert eine "bedingungslose Entschuldigung" von Deutschland . Neben ihm, in Uniform und weißen Handschuhen, mit einem geschnitzen Löwen als Griff seines Gehstocks, das Oberhaupt der Ovaherero Traditional Authority: Paramount Chief Mutjinde Katjiua. Er sagt vor der Debatte: "Wir fordern den Bundestag auf, die Völkermorde an den Ovaherero und den Nama voll anzuerkennen."
Wie kann es sein, dass das deutsche Parlament das nicht längst getan hat? Dass noch keine offizielle Entschuldigung von einer deutschen Regierung ausgesprochen wurde? Es gibt nur den Entwurf einer "Gemeinsamen Erklärung" mit Namibia, in der die Bundesregierung einen "Völkermord aus heutiger Sicht" anerkennt. Ein deutsch-namibisches Versöhnungsabkommen ist noch nicht unterzeichnet. Die Fakten sind erdrückend: Das Deutsche Reich (1871-1945) führte einen Vernichtungskrieg gegen Ovaherero (von Dritten auch Herero genannt), Nama, Damara und San (1904-1908). Mindestens 100.000 Menschen wurden getötet, ebenso viele vertrieben, es gab Zwangsarbeit und Zwangsprostitution. Landnahme und Enteignung haben bis heute Folgen für die Nachfahren. Für Historiker Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg fehlen Parlament und Regierung die Bereitschaft, sich ernsthaft der eigenen Vergangenheit zu stellen. "Es gibt Bundestagsresolutionen über den Genozid an den Armeniern , eine über den Holodomor , eine über den Genozid an Jesidinnen und Jesiden . Aber es gibt keine Anerkennung des Genozids an den Herero und Nama durch den Deutschen Bundestag." Wenn man wolle, gehe das sehr schnell, sagt Zimmerer der DW.
Die Linkspartei hat die Debatte ausgelöst. Ihren Antrag mit der Forderung nach "vollumfänglicher Anerkennung" und Entschädigung hat sie gemeinsam mit Vertretern der Nachfahren erarbeitet. Das Ziel: "wiedergutmachende Gerechtigkeit". Paramount Chief Katjiua lehnt die bisherige Vereinbarung zwischen der namibischen und der deutschen Regierung ab. "Entwicklungshilfe kann keine Reparationen ersetzen", sagt er. Die Grünen haben einen eigenen Antrag eingebracht. Sie fordern auch, dass die "Opfergruppen besser einbezogen werden müssen".
Seit 2021 verhandeln Windhoek und Berlin über eine "Gemeinsame Erklärung", die Namibia 1,1 Milliarden Euro Wiederaufbauhilfe zusichert über 30 Jahre. Wenn das Abkommen unterzeichnet ist, soll die offizielle Entschuldigung durch das deutsche Staatsoberhaupt folgen. "Rechtliche Ansprüche auf eine Entschädigung lassen sich durch die Anerkennung des Völkermords nicht herleiten", heißt es aus dem Auswärtigen Amt.
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