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Puppenstube der Hochkultur: Goethe war arrogant und die Schreiberei nur ein Hobby

Frankfurter Allgemeine Zeitung ·
Puppenstube der Hochkultur: Goethe war arrogant und die Schreiberei nur ein Hobby

Wenn Herr F. über den Busenfreund des verstorbenen Hausherrn spricht, gerät er in Wallung: „Was war das bitte für ein Mensch? Der hat seine Frau auf dem Sterbebett noch nicht einmal besucht. Als ich das gehört habe, war er bei mir unten durch!“ Wir überlegen noch, was wir zur Verteidigung des Gescholtenen anführen können, aber Herr F. setzt seine Schimpftirade schon fort. „Ein abgehobener Typ war der, total arrogant. Der hatte es gar nicht nötig zu arbeiten, kam aus reichen Verhältnissen und hat später vom Geld seines Gönners gelebt.“

„Der Schiller hingegen“ – Herr F. macht eine Pause – „musste sich alles selbst erarbeiten. Halb tot hat er noch geschrieben, um seiner Frau das Haus schuldenfrei zu hinterlassen. Jetzt wechselt Herr F. von einem aufgebrachten in einen verächtlichen Ton: „Für den Goethe war die Schreiberei doch nur ein Hobby“, sagt er, macht eine wegwerfende Handbewegung und dreht sich um, um seinem Job nachzukommen und einem neuen Besucher zu zeigen, wo der Rundgang durchs Schillerhaus beginnt.

Weimar ist wohl die einzige Stadt des Landes, in der über die deutschen Dichterfürsten gesprochen wird, als seien sie die eigenen Nachbarn. Und in gewisser Weise sind sie es auch, denn nirgendwo anders kommt man ihnen so nahe wie hier. Wieland, Herder, Schiller und vor allem Goethe begegnen einem auf Schritt und Tritt. Sie schauen uns aus Bildern, von Büsten und Sockeln an, sprechen zu uns in prominent platzierten Zitaten aus ihren Werken. Wir bestaunen die Objekte, die sie berührt, und durchschreiten die Räume, in denen sie gelebt und gearbeitet haben. Und viele Menschen in der Stadt haben Goethe, Schiller, Nietzsche und dem Bauhaus auch ihr Einkommen zu verdanken, denn die Weimarer Klassik Stiftung ist einer der größten Arbeitgeber der Stadt.

Viele Besucher kommen nach Weimar, um genau diese Nähe zu spüren, um die Menschen hinter den übermächtigen Mythen zu entdecken. Wir haben die Zahlen nicht überprüft, aber die Empirie des Augenscheins legt nahe, dass die Altersverteilung in der Stadt einer Sanduhr gleicht: Wir begegnen auf den Straßen vielen jungen Menschen, Studenten von der Bauhaus-Universität und Schülern auf Klassenfahrt. Und es gibt viele alte Leute. In den Museen treffen beide Gruppen aufeinander: die Jugendlichen, die mit stoischem Blick darauf warten, dass der Lehrer aufhört, im Schillerhaus über Kabale und Liebe zu referieren oder im Goethehaus über die Leiden des jungen Werther, damit sie sich endlich wieder den wirklich interessanten Dingen widmen können: den amourösen Verstrickungen ihrer eigenen Klassenkameraden. Oder Tiktok. Und es kommen die älteren Besucher, von denen nicht wenige Ehrfurcht im Blick haben, wenn sie Goethes Sterbezimmer betreten.

Auch wenn das Wohnhaus suggeriert, es sei am Todestag des Dichters praktisch eingefroren worden, so erzählt es in Wirklichkeit doch mehr darüber, wie die Nachwelt Goethe sah und sehen sollte, als darüber, wie der berühmte Bewohner tatsächlich gelebt hat. Besucht man das Haus, gewinnt man den Eindruck, in ihm müsse ein einsames Genie gelebt haben, das von nichts als seinen Gedanken lebte, schließlich gibt es weder eine richtige Küche noch eine Toilette.

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