Nepal und TIbet: „Die Flut hat uns alles genommen“
Für die Pilger, die auf der Suche nach einer religiösen Erfahrung waren, endete die Reise in den Himalaya in der Katastrophe. Wie die lokale indische und nepalesische Presse berichtete, befanden sich aufgrund der derzeitigen Pilgersaison viele der Opfer der Sturzfluten im nepalesischen Hochland auf dem Weg zur sogenannten Kailash-Mansarovar-Yatra in Tibet. Hindus glauben, dass der 6.638 Meter hohe Berg Kailash die Wohnstätte des Gottes Shiva und der Göttin Parvati sei. Das Wasser des Mansarovar-Sees soll die Gläubigen von ihren Sünden reinigen. Aber auch den Buddhisten, Jain und Anhängern der tibetischen Bön-Religion sind der Berg und der See heilig.
Die spirituelle Reise nahm ihr jähes Ende, als sich am Mittwochmorgen zwischen 8.30 und 9.00 Uhr Ortszeit eine gewaltige Sturzflut in das Gebiet entlang der nepalesisch-chinesischen Grenze ergoss. Die Welle überrollte Dörfer, riss Häuser, Straßen und Fahrzeuge mit, als wären sie Spielzeuge. Neun Staudämme, 19 Brücken und 40 Kilometer Autobahn sollen zerstört worden sein. Die Zahl der Toten steigt bis zum Abend auf 162 in Nepal und drei in China. Mehr als 400 Touristen werden auf nepalesischer Seite vermisst, darunter 142 Inder sowie Touristen und Arbeiter aus Nepal, den USA, Malaysia, Großbritannien, Australien, den Niederlanden, Portugal, Südkorea, Südafrika und Italien.
Auf chinesischer Seite werden nach Angaben von Donnerstag weitere 558 Menschen vermisst, darunter 260 ausländische Staatsangehörige. Die Nationalitäten sind dabei noch nicht bekannt. Westliche Ausländer erhalten kaum Zugang in die streng kontrollierte Autonome Region Tibet, Journalisten schon gar nicht. Neben einheimischen Tibetern und chinesischen Arbeitern könnte es sich bei den vermissten Ausländern auf von China kontrollierter Seite vor allem um indische Pilger sowie Nepalesen handeln. Anfängliche Berichte, wonach Deutsche betroffen sein könnten, bestätigten sich nicht. Das Auswärtige Amt hat keine Kenntnis, dass deutsche Staatsbürger unter den Betroffenen seien.
Für Nepal ist es die wohl schwerste Naturkatastrophe seit dem verheerenden Erdbeben im Jahr 2015. Besonders betroffen ist der Bezirk Rasuwa im Norden des Landes. Augenzeugen berichteten von dramatischen Szenen, die sich abgespielt hätten, als die Wasserwand den Berg herunterrollte. Eine Frau aus dem Bezirk Nuwakot schilderte der BBC, wie mehrere Familienmitglieder im Flutwasser verschwunden seien. „Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ihre Kinder wurden alle mitgerissen. Sie konnten der Flut nicht entkommen“, berichtete sie. „Die Flut hat uns alles genommen.“ Als einzige in der Familie habe sie sich mit ihrem Sohn auf das Dach ihres Hauses retten könnten.
Rajendra Dhungana, der Leiter der Zollbehörde von Rasuwa, sagte der „Kathmandu Post“, er habe zuerst gespürt, wie der Boden bebte. Als er nach draußen rannte, sah er eine Wasserwand, die eine Art Rauchwolke hinter sich herzog. „Es war die Flut, die wie eine riesige Welle anstieg und über den Markt hinwegfegte“, sagte Dhungana.
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