Jahrelang haben wir uns darauf konzentriert, viel Eiweiß zu essen – nun erklären Alterungsforscher, dass wir einen wichtigen Punkt falsch verstanden haben
Proteinpudding im Kühlregal, Eiweißriegel an der Kasse, Proteinpulver im Drogeriemarkt – und inzwischen gibt es sogar Nudeln mit Extra-Protein. Ein Nährstoff ist zum Verkaufsversprechen geworden. Selbst Menschen, die den Großteil des Tages sitzen, sollen offenbar ständig ihre Muskeln füttern.
Doch was passiert mit dem Körper, wenn er all das Eiweiß gar nicht braucht? Die Antwort könnte dem Proteinboom die Grundlage entziehen: Weniger Protein, länger leben? Ein Überblick über mehr als 350 Forschungsarbeiten stellt den Trend auf den Kopf.
Hinter der provokanten These steht die Metastudie der University of Wisconsin-Madison. Veröffentlicht wurde sie in der Fachzeitschrift „ Cell Press Blue “. Ein Großteil der ausgewerteten Daten stammt aus Versuchen mit Fliegen, Mäusen und Ratten, ergänzt durch einige kürzere Untersuchungen mit Menschen.
Bei der sogenannten Proteinrestriktion senkten die Wissenschaftler den Eiweißanteil, ohne einen Mangel auszulösen. Die Tiere erhielten weiter genug Protein für Wachstum und Stoffwechsel. Trotzdem verloren sie teils Körperfett, obwohl sie mehr Kalorien fraßen. Zugleich stieg ihr Energieverbrauch.
Auch erste Versuche mit Menschen liefern Hinweise auf solche Stoffwechseleffekte. In einer Untersuchung ernährten sich Teilnehmer 43 Tage lang proteinärmer. Ihr Gewicht und ihre Fettmasse gingen zurück. Gleichzeitig sank der Nüchternblutzucker, also der Blutzuckerwert vor dem Frühstück. Eine weitere fünfwöchige Untersuchung mit schlanken Männern ergab eine bessere Insulinempfindlichkeit und einen höheren Energieverbrauch.
Hinter einem Teil dieser Veränderungen steckt das Hormon FGF21. Die Leber bildet mehr davon, sobald weniger Protein verfügbar ist. FGF21 erhöht den Energieverbrauch, unterstützt die Kontrolle des Blutzuckers und kann Entzündungen im Fettgewebe dämpfen.
Bei Mäusen war das Hormon eng mit der längeren Lebensdauer verbunden. Tiere mit dauerhaft hohen FGF21-Werten lebten länger als gewöhnliche Mäuse. Ohne das entsprechende Gen verschwand der lebensverlängernde Effekt der proteinarmen Ernährung. Auch beim Menschen steigt FGF21, wenn die Proteinzufuhr sinkt.
„Es ist völlig eindeutig, dass Protein das Muskelwachstum und die Reaktion auf Training bei aktiven Menschen unterstützt“, sagt Dudley Lamming von der University of Wisconsin–Madison.
„Da die meisten Menschen jedoch relativ wenig aktiv sind, nehmen viele wahrscheinlich mehr Protein zu sich, als sie tatsächlich brauchen. Das hat vermutlich negative gesundheitliche Folgen.“
Entscheidend ist offenbar nicht allein die gesamte Proteinmenge. Auch die Zusammensetzung spielt eine Rolle. Besonders häufig tauchen in den Versuchen Methionin, Isoleucin und Valin auf. Diese Aminosäuren steuern Wachstums- und Stoffwechselprozesse in den Zellen.
Eine hohe Zufuhr kann unter anderem den Signalweg mTORC1 aktivieren. Er fördert Wachstum und Eiweißaufbau. Gleichzeitig bremst er die zelluläre Müllabfuhr. Bleibt der Signalweg dauerhaft aktiv, sammeln sich beschädigte Proteine und funktionsgestörte Zellbestandteile leichter an.
Weniger Protein senkt die Aktivität von mTORC1 in Leber, Herz, Muskeln, Fettgewebe und Gehirn.
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