Medizin-Sensation in Lübeck - Blinde kann wieder sehen
Für Gisela Sudhop (80) ist es die Hoffnung auf ein neues Leben. Jahrelang lebte die Rentnerin in einer Welt voller Schatten. Gesichter erkennen? Unmöglich. Ein Buch lesen? Schon lange nicht mehr. Jetzt soll ihr eine revolutionäre Behandlung das Augenlicht zumindest teilweise zurückbringen.
Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck haben Ärzte ihr als weltweit erste Person nach der offiziellen Zulassung einen neuartigen Netzhautchip implantiert. Die Mediziner sprechen von einem Meilenstein in der Augenheilkunde. Gisela Sudhop leidet seit mehr als zehn Jahren an der sogenannten altersbedingten Makuladegeneration (AMD). Dabei sterben in der Netzhaut die für das scharfe Sehen zuständigen Sinneszellen nach und nach ab. Besonders schwer betroffen war bei ihr der Bereich des schärfsten Sehens. Die Folge: Lesen, Gesichter erkennen oder Alltagsdetails wahrnehmen waren kaum noch möglich.
Nun setzen die Ärzte auf eine Technologie, die bislang nur in Studien erprobt wurde. In einer hochkomplexen Operation implantierten Klinikdirektor Prof. Dr. Salvatore Grisanti und sein Team einen nur zwei mal zwei Millimeter großen Chip direkt unter die Netzhaut. Der kleine Chip übernimmt dort künftig die Aufgabe der zerstörten Sehzellen.
Unterstützt wird er von einer speziellen Brille mit eingebauter Mikrokamera. Diese nimmt Bilder auf und überträgt sowohl Informationen als auch Energie an das Implantat. Der Chip aktiviert anschließend die noch vorhandenen Nervenzellen der Netzhaut. So können wieder visuelle Signale an das Gehirn weitergeleitet werden.
Einfach die Augen öffnen und sofort wieder sehen kann die Patientin allerdings nicht. Nach dem Eingriff folgt eine intensive Reha. Sie muss lernen, die neu gewonnenen Seheindrücke richtig einzuordnen und zu nutzen. Trotzdem überwiegt die Hoffnung. „Als ich die Anfrage der Klinik bekam, habe ich nicht gezögert. Die Chance, einen ganz wesentlichen Teil meines Sehvermögens zurückzubekommen, grenzt für mich an ein medizinisches Wunder“, sagt Sudhop.
Auch die Ärzte sprechen von einem Durchbruch. „Wir freuen uns sehr, dass wir den weltweit ersten Eingriff dieser Art nach der Zulassung des Chips erfolgreich durchführen konnten“, sagt Augenklinik-Chef Prof. Dr. med. Salvatore Grisanti. Bislang konnten Therapien das Fortschreiten der Erkrankung lediglich bremsen. Verlorenes Sehvermögen ließ sich nicht zurückholen. Genau hier setzt die neue Technologie an. „Unsere Patientin erfüllte alle medizinischen Voraussetzungen für die OP und ist darüber hinaus besonders motiviert. Ihr größter Wunsch ist es, wieder lesen zu können“, sagt Prof. Grisanti. Die Mediziner hoffen, dass sie künftig sogar mittelgroße Buchstaben lesen kann.
Die Bedeutung der Entwicklung reicht weit über den Einzelfall hinaus. Die altersbedingte Makuladegeneration gilt als häufigste Ursache für Erblindung in Deutschland. Mehr als eine Million Menschen sind betroffen. Für viele von ihnen könnte der neue Chip künftig eine echte Behandlungsoption werden. Das Implantat mit dem Namen „PRIMA“ wurde erst im Juli 2026 für die reguläre Krankenversorgung in Europa zugelassen.
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