Jüdisches Museum Berlin: Mir schaudert vor dem Achselzucken der Mehrheit
Vor gut 20 Jahren habe ich den damaligen israelischen Botschafter in Deutschland zu einem Vortrag an mein ehemaliges Gymnasium in Bingen am Rhein gebracht. Bingen: eine Kleinstadt mit heute 25.000 Einwohnern, eine Stadt mit großer jüdischer Geschichte, fast so wie Mainz, Worms oder Speyer. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war jeder zehnte Einwohner jüdisch. Die Aula der Schule war voll, der Botschafter verteidigte seinen Staat und warb für Solidarität mit Israel. Proteste gab es damals nicht.
Den Botschafter Shimon Stein hatte ich als Journalist noch als Verantwortlichen für die Auslandsberichterstattung des ZDF in Berlin kennengelernt. Nach einem auf dem Sender Phoenix ausgetragenen Streit über die deutsche Israel-Politik wurden wir Freunde. Ich lud ihn ein, nach dem Besuch an der Schule mit zu meinen Eltern zu kommen. Sie waren beide damals schon über 70 und durchaus aufgeregt. Nicht wegen der zwei großen Limousinen, mit denen der Botschafter aus Sicherheitsgründen unterwegs sein musste. Ein paar Tage vorher hatte mich meine Mutter gefragt, was sie ihm denn – Subtext: einem Juden – zum Essen anbieten könne. Obwohl Mutter und Vater wussten, dass wir befreundet waren, spürte ich eine Befangenheit, die nicht nur mit dem Amt zu tun hatte. Am Ende überbrückte der Streuselkuchen meiner Mutter die Fremdheit und über die Bundesliga fanden mein Vater und der Botschafter einen Draht zueinander.
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