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EU-Kanada: Mark Carney wirbt für eine „Allianz für die Zukunft“

Frankfurter Allgemeine Zeitung ·
EU-Kanada: Mark Carney wirbt für eine „Allianz für die Zukunft“

Kanada verbindet man mit Grizzlybären, endlosen Nadelwäldern und Ahornbäumen. Es war also wenig überraschend, dass Mark Carney am Donnerstag immer wieder zu Wald-Metaphern griff, als er über seine Vision der Beziehungen von Kanada und Europa sprach. Das hat einen großen Vorzug: Es regt die Vorstellungskraft an, ohne dass der Redner allzu konkret werden muss.

Der kanadische Ministerpräsident begann seine Rede im Europäischen Parlament mit der Goethe-Eiche auf dem Ettersberg. Der deutsche Nationaldichter soll dort oft spazieren gegangen sein; später geriet der Baum hinter den Zaun des Konzentrationslagers Buchenwald. Carney deutete das als Zeichen dafür, dass „Freiheit und Leben jeden einzelnen Tag verdient werden müssen“.

Er erinnerte daran, wie ein kanadischer Soldat 1917 Eicheln von einem Schlachtfeld in Nordfrankreich sammelte und daraus in Ontario einen neuen Wald wachsen ließ. Später wurden Stecklinge von dort zurück an ihren Ursprungsort gebracht. Was Carney als Symbol für das Geflecht sah, das sein Land und Europa seit Langem verbindet. Seine Rede beendete er mit dem Appell: „Lasst uns nun diese Wurzeln vertiefen, dieses Blätterdach ausbreiten und einen transatlantischen Wald wachsen lassen, unter dem unsere Bürger als freie Menschen auf freiem Boden gedeihen können.“

Carney hält brillante Reden, auch wenn sein Vortragsstil eher trocken und wenig mitreißend ist. Anfang des Jahres, beim Weltwirtschaftsforum in Davos, verzückte er die Europäer, indem er auf Václav Havel zurückgriff. Nun also berief er sich auf Goethe – was in Straßburg bestens passt, einem von Goethes Lieblingsorten. Der Applaus im Plenum war ihm gewiss. Schon am Vortag war er mit stehenden Ovationen empfangen worden. Am Donnerstag klatschten die Abgeordneten noch etwas länger als nach der Rede zur Lage der Europäischen Union von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

In der ersten Reihe saß am Donnerstag eine Frau im Trikot der kanadischen Eishockey-Nationalmannschaft, mit dem Ahornblatt auf der Brust. Damit hatte Terry Reintke, die Fraktionsvorsitzende der Grünen, einen Coup gelandet. Die Fotografen scharten sich um sie, als Carney die Fraktionschefs mit Handschlag begrüßte. Dass es just die Grünen waren, die 2017 geschlossen gegen das Freihandelsabkommen mit Kanada, kurz CETA, gestimmt hatten – es war an diesem Tag vergessen. Wohl auch von Reintke selbst, die wie die erste Vorsitzende des Carney-Fanclubs auftrat. Würde man heute nochmals abstimmen, glaubte einer ihrer Kollegen, würden die Grünen für CETA stimmen. Die Zeiten hätten sich eben geändert, sagte er. Es gehe nicht mehr um Schiedsgerichte, sondern um Geopolitik.

Das war exakt der Punkt, den Carney vorbrachte. Der kanadische Ministerpräsident beschrieb in drastischen Worten, was sich über den „Wahlverwandten“ Kanada und Europa zusammengebraut hat: „Wirtschaftliche Integration wird mittlerweile als Waffe eingesetzt, und Zölle dienen als Druckmittel. Finanzmechanismen werden zu Zwangsmaßnahmen genutzt.“ Und weiter: „Lieferketten stellen Schwachstellen dar, die ausgenutzt werden können.“ Er musste die USA gar nicht erwähnen.

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