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Kiez in berlin: Der geheime Charme der Charlottenburger Bourgeoisie

Frankfurter Allgemeine Zeitung ·
Kiez in berlin: Der geheime Charme der Charlottenburger Bourgeoisie

Mitten in Berlin liegt ein Dorf. Man erkennt es daran, dass Nachbarn über Balkone hinweg miteinander reden. Dass der indische Koch vor dem Öffnen seines Restaurants der Nachbarin noch schnell eine Gardinenstange montiert. Und auch daran, dass der deutsche Vizekanzler an der Ecke seinen Kaffee holen kann, ohne dass jemand ein Selfie möchte. Das ist der Leonhardtkiez.

Zwischen dem von Restaurants gesäumten Stuttgarter Platz und der krachigen Kantstraße, rund um das trutzige Amtsgericht, liegt ein Viertel, das sich im Windschatten von Ku’damm, Mitte und Prenzlauer Berg versteckt. Hier gibt es weder Touristenhorden noch Influencer-Hotspots oder einen namengebenden Lifestyle-Hype. Vielmehr leben die Bewohner dieses Charlottenburger Kiezes in einer Art diskretem Mikrokosmos, in dem sich das alte Westberlin unauffällig erneuert hat.

Das Lebensgefühl des nach dem Juristen Adolph Leonhardt benannten Quartiers erinnert daran, dass Charlottenburg bis zum Jahr 1920 eine eigene Stadt war – zudem eine der reichsten Preußens –, die sich bewusst als elegante Alternative zum engen Berlin verstand. Rund um den Amtsgerichtplatz entstand Ende des 19. Jahrhunderts ein neues Justizviertel, und die Stadt vergab dort Straßennamen für Juristen und Staatsmänner wie Bernhard Windscheid, Heinrich von Friedberg, Carl Gottlieb Suarez und Friedrich Trendelenburg. Heute parken Autos dort, wo bis zum Zweiten Weltkrieg Vorgärten lagen. Sie verschwanden später völlig, ihre Pflege galt als zu aufwendig und nicht mehr zeitgemäß.

Wer durch die breiten Straßen läuft, spürt sofort, dass dieses Viertel nie als Mietskasernen-Areal gedacht, sondern Teil einer wohlhabenden Stadt mit repräsentativen Wohnhäusern und einem ausgeprägten Bildungsbürgertum war. Es ist auch heute kein klassischer Prominenten-Wohnort wie etwa der Grunewald. Die Schauspieler Katja Riemann und Lars Eidinger sind hier zu Hause, und auch der andere Lars des Viertels, Vizekanzler Klingbeil, dessen Wohnung Tag und Nacht unübersehbar von einem Polizeitrupp geschützt wird. Das Büro von Max Raabe und seinem Palastorchester hat sich in einem Altbau niedergelassen, wie auch ein ehemaliger Botschafter. Aber diese Namen sind eher die Ausnahmen. Und auch mit typischen Szene-Kiezen wie Neukölln oder Friedrichshain ist die Gegend nicht vergleichbar, für Studierende und WGs ist das Viertel schlicht zu teuer und vielleicht auch nicht aufregend genug.

Im Quartier trifft man auffallend viele junge Familien, deren Kinder in einen der alternativen Kinderläden oder in eine bilinguale Kita gehen und die sich am Nachmittag im Café „Kuno 15“ ein Eis holen und zum Spielen verabreden. Im Sommer verwandeln die Bewohner des Kiezes ihre kleinen Balkone in Bühnen, manche Hausfassaden können gar mit Inszenierungen aufwarten, an denen man eine Soziologie des Viertels ablesen kann. Da sind die Loggien der Alt-68er mit ihren Öko-Dschungeln und Muschelsammlungen, deren Besitzer immer noch im Lokal „Lentz“ am Stuttgarter Platz abhängen. Elegante grauhaarige Akademikerinnen in lockeren Leinen-Tuniken züchten Oleander in Palmengröße, junge Paare hängen im Sommer Lichterketten, im Winter Herrnhuter Sterne auf.

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