Mücken verbreiten das tropische West-Nil-Virus im Norden
Früher musste Sandra Junglen für ihre Forschungen weit nach Süden reisen. Die Biologin arbeitet am Institut für Virologie der Charité in Berlin und ist Expertin für Arboviren, zu denen alle von Stechmücken übertragenen Viren zählen. Und die sind längst nicht mehr nur ein Problem des globalen Südens.
Die von Mücken übertragenen Viren verursachen Krankheiten wie Denguefieber , Gelbfieber oder Zika und sind in vielen Ländern in Asien, Südamerika und Afrika ein großes Problem. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) erreichten allein die weltweiten Dengue-Fälle 2023 ein Rekordhoch : 6,5 Millionen Menschen infizierten sich.
"Mücken sind die tödlichsten Tiere der Welt", sagt Junglen. Jedes Jahr sterben rund 725.000 Menschen an Krankheiten, die von Mücken übertragen werden.
Um von Mücken übertragene Viren zu erforschen, muss die Biologin mittlerweile nicht mal Berlin verlassen. Denn es gibt ein Arbovirus, das sich im Osten Deutschlands erfolgreich etabliert hat und ausbreitet: das West-Nil-Virus (WNV).
Und nicht nur in Deutschland: Laut Europäischem Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat es bisher in 99 Regionen in 12 europäischen Ländern regionale WNV-Ausbrüche gegeben. In sechs Regionen wurde das Virus zum ersten Mal überhaupt detektiert. Die aktuellen von der Behörde veröffentlichten Zahlen weisen Italien mit 311 und Griechenland mit 157 Fällen als am stärksten betroffene Länder aus.
In den meisten Fällen merken WNV-Infizierte gar nichts. Etwa jeder Fünfte bekommt spätestens 14 Tage nach der Infektion grippeähnliche Symptome mit Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen – das West-Nil-Fieber. Nach drei bis sechs Tagen ist der Spuk meist vorbei.
Bei einer von 100 Personen greift das Virus das zentrale Nervensystem an, es kann zu Hirnhaut- oder Gehirnentzündungen führen und bleibende Schäden verursachen. Fünf bis zehn Prozent dieser sogenannten neuroinvasiven Erkrankungen verlaufen tödlich.
Dieses Virus wird nicht von einer invasiven Art wie der Tigermücke übertragen, sondern von der seit jeher in den nördlichen Breiten heimischen Gemeinen Stechmücke ( Culex pipiens ).
2018 wurde das WNV, das mit Zugvögeln aus den Tropen nach Europa gelangte, erstmals bei Vögeln und Pferden in Deutschland gefunden. 2024 hatte es bereits vereinzelt Tiere in fast allen deutschen Bundesländern infiziert. Seit 2019 wird das Virus immer wieder bei Menschen nachgewiesen , überwiegend in Ostdeutschland.
Damit Mücken ein Virus übertragen können, müssen sie sich zunächst selbst infizieren. Es sind ausschließlich die Mückenweibchen, die stechen. Sie brauchen das Blut ihres Opfers für die Ei-Produktion.
Im Falle von WNV laben sich die Mücken an wildlebenden Vögeln: Die Mücke sticht ein infiziertes Tier und überträgt das Virus bei der nächsten Blutmahlzeit auf einen weiteren Vogel.
Während manche Vögel an der Infektion sterben, tragen andere das Virus unbehelligt in sich, ohne krank zu werden. "Wir wissen allerdings nicht, welche Vögel in Europa diejenigen sind, in denen sich das Virus besonders gut vermehrt", sagt Junglen.
Die Mücken können das Virus auch auf Säugetiere, vor allem auf Pferde und Menschen übertragen.
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