Rybakina bei US Open: Eine „Eisprinzessin“, die der Tenniswelt Rätsel aufgibt
Für ihre Verhältnisse war es ein ziemlich großer Gefühlsausbruch. Eine kurze Siegerfaust, ein Lächeln, ein verschmitzter Blick zur Tribüne, wo ihre Trainer und Vertrauten saßen. Wer schon einmal gesehen hat, wie Jelena Rybakina selbst Grand-Slam-Titel bejubelt, der weiß, dass es viel extrovertierter bei ihr nicht wird. Stattdessen schritt die Kasachin äußerlich ungerührt zum Netz, um ihre Gegnerin zu verabschieden, während um sie herum noch die Schreie des Entsetzens Zehntausender New Yorker Zuschauer nachhallten.
Durch ein 3:6, 6:4, 6:4 gegen die Amerikanerin Coco Gauff hat Rybakina am späten Donnerstagabend das Finale der US Open erreicht. Und als sie nur wenige Sekunden nach dem Matchball auf dem Platz interviewt wurde, hatte sich das mit mehr als 23.000 Plätzen größte Tennisstadion weltweit in rekordverdächtigem Tempo fast vollständig geleert. Das lag natürlich hauptsächlich daran, dass die unterlegene Gauff in New York zu den absoluten Fanlieblingen gehört.
Es lag vielleicht auch daran, dass die Zuschauer schon zuvor eine Enttäuschung hatten verdauen müssen, als die Belarussin Aryna Sabalenka im zweiten Halbfinale des Tages mit Jessica Pegula ebenfalls eine Amerikanerin besiegt hatte. Doch passt es trotzdem ganz gut zu der Rolle, die Rybakina im Frauentennis derzeit einnimmt, dass ihr schon fast niemand mehr zuhörte, als sie über ihren nächsten großen Sieg redete.
Die gebürtige Russin gibt in der Tenniswelt vielen Rätsel auf. Weil sie in einem Sport, dessen Faszination auch darin besteht, dass Spielerinnen und Spieler große Kämpfe mit sich selbst ausfechten müssen und dabei immer wieder auch verlieren, kaum etwas davon erkennen lässt. „Eisprinzessin“ taufte sie einst der englische Boulevard, als sie 2022 sensationell in Wimbledon gewonnen und kaum gejubelt hatte. Die Selbstkontrolle, das Beherrschen der Gefühle, all das, was Rybakina so meisterhaft gelingt, scheint manchen Fans regelrecht suspekt.
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Dabei ist es im Grunde eher so: Eine Fähigkeit, die sich die allermeisten Spielerinnen und Spieler im Laufe ihres Lebens mühsam erarbeiten müssen, die viele sogar nie vollständig erwerben, scheint Rybakina schlicht in die Wiege gelegt zu sein. Sie spielt jeden Punkt, völlig unabhängig vom Spielstand, genau gleich.
Sie lässt sich von den Höhen und Tiefen, vom Auf und Ab der Gefühle während eines Tennismatches kaum einmal mitreißen. Dass sie sehr wohl für ihren Sport brennt und ihr Ehrgeiz groß ist, sieht man daran, wie Rybakina jedem Ball hinterherhetzt. Doch das Feuer, das in ihr lodert, ist ein kaltes.
Gegen Gauff, in ihrem ersten Match einer der prestigeträchtigen „Night sessions“ in New York, hatte Rybakina fehlerhaft begonnen. Den ersten Satz verlor sie deutlich. „Natürlich gibt es Nerven“, sagt sie dazu später. Doch: „Ich habe tief eingeatmet, versucht positiv zu bleiben.“ Im entscheidenden dritten Satz servierte die Siebenundzwanzigjährige dann beim Stand von 5:3 zum Matchgewinn.
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