Warum russische Frauen zur Entbindung nach Brasilien reisen
Julia und Dmitrij (Namen aus Sicherheitsgründen geändert) flogen in diesem Sommer von Russland nach Brasilien , damit ihr Kind dort zur Welt kommt. "An der Grenze haben wir natürlich nicht gesagt, dass ich schwanger bin", erzählt Julia der DW. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits in der 32. Schwangerschaftswoche. Ihre Tochter wurde später in einer Privatklinik in Santos geboren. Nun bereitet die Familie die notwendigen Unterlagen vor, damit das Kind einen brasilianischen Pass erhält. In Brasilien erhält grundsätzlich jeder, der im Land geboren wird, die Staatsbürgerschaft.
"Unser Mindestziel haben wir erreicht", sagt Dmitrij. "Mit einem brasilianischen Pass kann unsere Tochter visafrei in fast alle Länder der Welt reisen. Sie muss kein teures und langwieriges Schengen-Visum beantragen. Wir möchten, dass sie selbst entscheiden kann, wo sie studiert, arbeitet oder lebt." Anfang August sei auch ein Arbeitskollege mit seiner schwangeren Frau nach Brasilien gereist, um dort sein Kind zur Welt bringen zu lassen.
Nach eigenen Angaben hat das Paar in den ersten sechs Wochen umgerechnet rund 10.000 Euro ausgegeben, einschließlich einer mehrtägigen Behandlung ihrer Tochter auf der Intensivstation. Für die Reise kündigte Dmitrij seinen Job bei einer Bank. Nach der Rückkehr nach Moskau hofft er auf eine neue Anstellung. Das Paar plant jedoch erst in einigen Monaten zurückzukehren, sobald alle Dokumente für die Tochter vorliegen. Andere russische Familien bleiben dauerhaft in Brasilien.
Vertreter von Hilfsinitiativen und Anwälte, die russische Staatsbürger vor Ort unterstützen, berichten der DW von einem wachsenden Zustrom russischer Migranten nach Brasilien. Das Land gewann insbesondere nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 an Beliebtheit, als die westlichen Länder Einreisebeschränkungen für russische Staatsbürger verhängten.
Verstärkt wurde dieser Trend durch verschärfte Einwanderungsregeln in Argentinien , das bis dahin als eines der wichtigsten Ziele für sogenannten Geburtstourismus galt. Seit 2025 ist der Zugang zur kostenlosen Gesundheitsversorgung für Personen ohne dauerhafte Aufenthaltserlaubnis eingeschränkt. Außerdem wurden die Kontrollen hinsichtlich des tatsächlichen Einreisezwecks verschärft. Wer die argentinische Staatsbürgerschaft über die Geburt eines Kindes anstrebt, muss inzwischen einen legalen Aufenthalt von mindestens zwei Jahren nachweisen.
Die Folgen zeigen sich in den Statistiken: 2023 stellten Russen mit mehr als 7000 Anträgen eine Rekordzahl an Aufenthaltsgesuchen. Mitte 2025 waren es laut dem russischen Nachrichtenportal RBC nur noch 1821.
Gleichzeitig steigt die Zahl russischer Staatsbürger, die brasilianische Pässe erhalten. 2024 wurden 477 Pässe an Russen ausgestellt, 2025 waren es bereits 613. Mehr als die Hälfte der neuen Staatsbürger waren Frauen. Bis Ende Mai 2026 wurden 166 brasilianische Reisepässe an russische Staatsangehörige ausgegeben, knapp 60 Prozent davon an Frauen.
Viele Familien verfolgen dabei weitergehende Ziele.
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