Macht der Worte: Wie ein Arzt spricht, kann übers Patientenwohl entscheiden
Zwei Stunden im Wartezimmer, nur zwei Minuten beim Arzt: Menschen haben nach einem Arztbesuch oft das Gefühl, ihre Sorgen gar nicht richtig losgeworden zu sein.
Mangel an Gespräch kann aber schaden.
Beim Arzt zählen Wortwahl und Tonfall oft besonders und entscheiden darüber, wie Patienten ihre Behandlung verstehen und erleben.
Oft entschieden kleine Nuancen darüber, ob ein Patient seine Behandlung motiviert angehe und ein Medikament wirklich nehme - und damit, ob es wirklich Besserung gebe, erklärt Sven Benson, Leiter des Instituts für Didaktik in der Medizin am Universitätsklinikum Essen.
Könnte es vielen Menschen bessergehen, wenn mehr Ärzte gut und passend kommunizieren würden? „Ja, definitiv“, meint Benson.
Kommunikation spiele neben Fachwissen und adäquater Versorgung der Patientinnen und Patienten eine immense Rolle. „Vor Jahrhunderten hat die Medizin noch so funktioniert, dass es im Wesentlichen wirklich alles über Kommunikation und Rituale lief und man relativ wenig wirksame Arzneien zur Verfügung hatte“, erklärt Benson.
Dieses Wissen um die Macht von Worten und Glauben sei in Zeiten moderner Schulmedizin ein bisschen verloren gegangen.
Für die Diagnose sei gute Kommunikation aber ebenso wichtig wie für das Verständnis und die Motivation beim Patienten. „Und es hat auch mit Patientensicherheit zu tun.“ Bei guter Gesprächsatmosphäre trauten sich Patienten eher mitzuteilen, wenn etwas nicht in ihrem Sinne läuft - ohne einfach das verschriebene Medikament wegzulassen.
Kleiner Unterschied - großer Effekt Wenn ein Arzt „10 Prozent der Patienten haben Nebenwirkungen“ sagt statt „9 von 10 Patienten vertragen das Medikament gut“, kann ein bestimmtes, oft sehr stark wirkendes Phänomen greifen: der Noceboeffekt.
Während beim Placeboeffekt allein schon die positive Erwartung zu einer Verbesserung der Symptome oder einer gesteigerten Wirkung von Medikamenten und Therapien beiträgt, umfasst der Noceboeffekt ungünstige Gesundheitsfolgen durch negative Erwartungen.
Ein weiteres Beispiel, das ein Team um Benson in der „Pflegezeitschrift“ aufführt: „Sie können nach der Impfung Fieber und Gliederschmerzen bekommen.“ Besser wäre demnach: „Wenn Sie leichtes Fieber oder Gliederschmerzen spüren, ist das ein gutes Zeichen - Ihr Immunsystem arbeitet und baut den Schutz auf.“ Wie unfassbar stark der Effekt ist, zeigen zahlreiche Studien.
Ein Experiment zeigte zum Beispiel, dass die schmerzlindernde Wirkung größer war, wenn Studienteilnehmer darüber informiert waren, dass sie mit dem hochwirksamen Opioid Remifentanil behandelt wurden.
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