Leben ohne Krankenversicherung - immer mehr Menschen sind betroffen
Leben ohne Krankenversicherung Wer behandelt die, die durchs Netz fallen? Stand: 17.10.2026 • 15:49 Uhr
In Deutschland sind rund 72.000 Menschen nicht krankenversichert, so die offizielle Statistik. Die Dunkelziffer ist weit höher. Hilfsorganisationen wie Ärzte der Welt schätzen, dass es Hunderttausende sind. Tendenz steigend.
Im Wartezimmer der Stuttgarter Praxis der "Malteser-Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung" haben sich schon einige Patientinnen und Patienten eingefunden. Allgemeinmediziner Wolfgang Steigleder, der ehrenamtlich in der Praxis arbeitet, beginnt pünktlich um 10 Uhr die Sprechstunde.
Sein erster Patient ist Georgier. Der 56-jährige schleppt sich mit Krücken in das Behandlungszimmer, denn er hat einen großen Verband am Fuß. Dem Diabetiker wurden zwei Zehen amputiert. Auf einer Liege entfernt Wolfgang Steigleder behutsam die Mullbinde und den sterilisierten Wundverband. "Die Wunde sei gut verheilt", erklärt der Arzt im Ruhestand. Das freue ihn, denn die Wundheilung verlaufe bei Diabetikern deutlich langsamer und sie litten unter gravierenden Folgeerkrankungen, wenn sie nicht regelmäßig ärztlich versorgt und betreut werden.
Der Patient lebt in Baden-Württemberg und will, wie die meisten Patientinnen und Patienten, anonym bleiben. Meist aus Angst, Vorsicht oder Scham.
In Wolfgang Steigleders Praxis nimmt die Zahl der Patienten ohne Krankenversicherung zu.
In der Stuttgarter Praxis für Menschen ohne Krankenversicherung hat sich die Zahl der Patienten in den letzten zwei Jahrzehnten verdreifacht. Viele kommen aus Drittstaaten oder aus der Europäischen Union. Wenn die Sprachbarriere zu groß sei, behelfe man sich mit Übersetzungshilfen, so Steigleder.
Unter den Patienten sind neben Wohnsitzlosen und Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus auch Studenten, Rentner und viele Solo-Selbstständige, die sich die Beiträge zur gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung nicht oder nicht mehr leisten können"
Ein kroatischer Patient arbeitete fünf Jahre als selbstständiger Innenausbauer auf deutschen Baustellen. Auf Empfehlung seines Auftraggebers schloß er eine private Reisekrankenversicherung ab und bemühte sich in der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen zu werden. Ohne Erfolg. Dann kam Corona und mit der Pandemie die berufliche Flaute. Kurze Zeit später erlitt er einen Herzinfarkt und bekam eine Lungenembolie.
Die Krankenhauskosten in Höhe von 4.200 Euro zahle er heute noch in kleinen Raten ab, sagt der heute 60-jährige. Wolle er in eine gesetzliche oder private Krankenversicherung, müsse er die Versicherungsbeiträge der letzten zehn Jahre zurückzahlen, denn solange wohne er schon in Deutschland. Doch das könne er sich nicht leisten, so der Patient weiter.
In einer Clearingstelle, die in einer Nische der Praxisräume untergebracht ist, beraten Mitarbeitende Patientinnen und Patienten, um ihnen einen Weg in das reguläre Gesundheitssystem aufzuzeigen. Oftmals seien Patienten mit der Klärung ihrer Versicherungssituation überfordert und bürokratische Hürden mache es ihnen schwer, sich zu orientieren.
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