Ballett: Tanzen unter Druck an deutschen Theatern
Exklusiv Missstände im Ballett Tanzen unter Druck Stand: 20.08.2026 • 20:21 Uhr
Kurze Karrieren, hoher Konkurrenzdruck: Balletttänzer gehören zur verwundbarsten Gruppe an deutschen Theatern. Am Saarbrücker Staatstheater soll es zudem zu sexuellen Übergriffen gekommen sein.
Im Juni und Oktober geht an deutschen Theaterhäusern die Angst um. In dieser Zeit werden üblicherweise die "Nichtverlängerungen" ausgesprochen. Tänzer, Schauspielerinnen, Opernsänger - sie alle sind über sogenannte Kettenbefristungen angestellt. Das heißt: Jedes Jahr können sie ihren Job verlieren. Und das über einen Zeitraum von 15 bis sogar 19 Jahren hinweg - erst danach gibt es einen Kündigungsschutz.
So sieht es der Tarifvertrag der künstlerisch Beschäftigten - der NV Bühne (Normalvertrag Bühne) vor. Die alles entscheidende Instanz ist dabei der Intendant oder die Intendantin. Er oder sie kann jederzeit aus "künstlerischen Gründen" eine Nichtverlängerung aussprechen. Das sind Gründe, die weder überprüft noch belegt werden müssen.
Den Kündigungsschutz erreichen Tänzer aufgrund ihrer kurzen Karrieren so gut wie nie. Die meisten können nur im Alter von 18 bis 35 Jahren professionell tanzen. Dazu kommt, dass es nur wenige Jobs gibt. Von allen an Hochschulen ausgebildeten Tänzern wird maximal ein Viertel in die Tanzensembles aufgenommen.
Sie seien der Personenkreis, der an einem Theater am wenigsten geschützt ist und auf den die Macht des Intendanten am wirksamsten sei, sagt Thomas Schmidt. Er ist Professor und Direktor des Studiengangs "Theater und Orchestermanagement" in Frankfurt am Main und forscht seit vielen Jahren zu Macht und Struktur im Theater.
Februar 2023 - am Saarländischen Staatstheater arbeitet das Ballettensemble an einem Stück von Abou Lagraa. Der Gast-Choreograf probt Glucks "Orfeo ed Euridice". Zur Aufführung kommt es nie. Kurz vor der Premiere sagt das Theater die Produktion ab. Offiziell wegen "unüberbrückbarer Differenzen" zwischen Lagraa und der Theaterleitung.
Aktuelle SR -Recherchen zeigen aber, dass es sich dabei um sexuelle Übergriffe seitens des Choreografen gehandelt haben soll. Ensemble-Mitglieder berichten von Berührungen an Brust und Po, angeblich um Bewegungen zu demonstrieren, von sexualisierten Kommentaren über ihre Körper, von vulgären Witzen.
Knapp 20 Vorfälle wurden dokumentiert. Die Liste, die dem SR vorliegt, ist an die Frauenbeauftragte und den damaligen Intendanten, Bodo Busse, weitergeleitet worden. Lagraa hat sich auf mehrfache Anfragen des SR zu den Vorwürfen bisher nicht geäußert.
Tänzer berichten dem SR , dass Busse sie bei einem ersten Treffen nicht ernst genommen und sich sogar “aggressiv” ihnen gegenüber geäußert habe. Busses Anwälte widersprechen dieser Darstellung und wenden zudem ein, dass auch er die Situation als emotional herausfordernd empfunden habe.
Für seine Recherche zu den Vorgängen am Saarländischen Staatstheater hat der SR unter anderem Interviews mit ehemaligen Solotänzern des Saarbrücker Staatsballetts geführt.
Die Tänzer haben nach dem ersten Treffen die Bühnengewerkschaft GDBA eingeschaltet, die Busse per Anwaltsschreiben aufforderte, die Premiere innerhalb von drei Tagen abzusagen.
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