Neue Attraktion in Kopenhagen: Im Auge des Taifuns
Sind 28 Umdrehungen pro Minute sehr schnell? Wie fühlt sich das an, wenn der Körper mit dem Dreifachen seines Gewichts gegen eine Wand gedrückt wird? Rasmus Altenborg überlegt kurz. „Ich hatte das Gefühl, als könnte ich meine Gehirnflüssigkeit an der Schädeldecke spüren“, sagt er dann und lacht. Außerdem sei er völlig bewegungsunfähig gewesen. „Eine sehr ungewöhnliche Erfahrung.“ Altenborg ist nicht in einen Unfall geraten oder einen Orkan, sondern in ein Karussell. Bevor an diesem Wochenende im Kopenhagener Vergnügungspark „Tivoli“ eine neue Attraktion für die Gäste öffnet, hat sein Entwicklungsdirektor das Fahrgeschäft vorab getestet. „Es brauchte einen neuen Nervenkitzel“, räumt er ein. Umfragen unter den Besuchern hätten ganz deutlich den Wunsch gezeigt.
183 Jahre nach seiner Eröffnung 1843 muss auch einer der ältesten Vergnügungsparks der Welt mit der Generation Social Media, immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen und einer wachsenden Abgebrühtheit klarkommen. Tivoli wäre aber nicht seit Generationen so anhaltend beliebt, hätten seine Macher sich nicht auch diesmal wieder etwas ganz Besonderes einfallen lassen.
Um das „Tyfonens Øje“, das Auge des Taifuns , wie die mit rund 40 Stundenkilometern rotierende Trommel mit den körperwirksamen Zentrifugalkräften heißt, ist ein kleines japanisches Viertel entstanden. Hikari heißt es, aus zwei Gründen: Das Wort bedeutet übersetzt Licht, das im Tivoli schon immer eine große Rolle spielte. Wer je in den Abendstunden über das Parkgelände schlenderte, wird sich an die Vielzahl an Lämpchen und Leuchten erinnern. Außerdem lässt sich Hikari leicht aussprechen.
Wer den Taifun mit ein wenig zittrigen Beinen verlässt, kann in einen typisch japanischen Konbini-Minimarkt einkehren oder an den Imbissständen Taiyaki-Waffeln in Fischform, Onigiri-Reisklöße oder „oishii“, also leckere Getränke, kosten. Auch Plüschtiere und Kokeshi-Holzpuppen warten auf ihre Fans in der Straße, die über und über mit Leuchtreklametafeln mit japanischen Schriftzeichen und Motiven bedeckt ist. Eine Tourou-Laterne aus Stein steht am Eingang, in einem Regal über der Straße reihen sich Sake-Bottiche, wie sie auch in Japan selbst oft als Dekoration verwendet werden. Tivoli erhebt keinen Anspruch auf Authentizität, hat Mitarbeiter aber nach Japan zur Recherche geschickt und sich auch von Experten wie dem Kurator der Ostasien-Sammlung im dänischen Nationalmuseum beraten lassen. Den originalen Vorbildern kommt das Ergebnis zumindest sehr nahe. Über den Köpfen saust zudem die Achterbahn „Dæmonen“. Sie steht schon seit 2004 an dieser Stelle, wirkt aber nun wie eine überspitzte Anspielung auf den japanischen Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen.
Was sofort auffällt: Es sind kaum Menschen im Park unterwegs, die sich selbst oder andere unentwegt mit dem Handy fotografieren. Dabei trifft man durchaus eine Menge junger Leute. „Im besten Fall schenken sie ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen“, sagt Susanne Mørch Koch. Sie ist seit August 2020 Chefin des Tivoli. „Wir versuchen, die Besucher vom Bildschirm wegzubekommen." Im Park brauche man kein Handy.
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