Geht das nur mir so? - Sind wir am liebsten schlecht gelaunt?
Man muss in diesen Zeiten echt suchen, wenn man im Meer der schlechten Nachrichten auch mal was lesen oder sehen will, was einem gute Laune macht.
Eine solche Nachricht hat Isabella Grünewalt (57) aus Speyer beschert. Sie ist Konditormeisterin, hat eine kleine Bäckerei in der Domstadt am Rhein. Zu ihren Stammkunden gehört ein älteres Ehepaar, beide über 70. Die Frau ist körperlich sehr eingeschränkt, sitzt im Rollstuhl. Die beiden kommen jeden Tag. Man kann die Uhr nach ihnen stellen.
Doch plötzlich kommen sie nicht mehr. Nicht am Dienstag. Nicht am Mittwoch. Und auch am Donnerstag nicht. Man könnte denken: Vielleicht sind sie verreist. Vielleicht kaufen sie ihre Brötchen mal woanders. Vielleicht geht es mich auch einfach nichts an. Doch Isabella Grünewalt dachte: Da stimmt was nicht.
Sie versucht vergeblich, das Ehepaar anzurufen. Man kennt sich ja, man duzt sich. Isabella Grünewalt weiß auch, wo die Eheleute wohnen. Dann setzt sie sich aufs Fahrrad und fährt bei den Kunden vorbei. Sie klingelt. Nichts. Sie klopft. Nichts. Aber dann, als sie schon wieder gehen will, hört sie leise Geräusche aus der Wohnung. Da will sich jemand bemerkbar machen.
Isabella Grünewalt wählt den Notruf. Rettungskräfte finden das Paar wenig später hilflos in der Wohnung. Der Mann war schwer gestürzt, die schwerbehinderte Frau konnte weder zur Tür noch ans Telefon. Sie kamen sofort ins Krankenhaus, nach drei Tagen kam die Rettung buchstäblich im letzten Moment. Die Polizei lobt Isabella Grünewalt: „Durch ihr aufmerksames Eingreifen konnte den Senioren noch rechtzeitig geholfen werden.“
Wer in diesen schwierigen Zeiten am liebsten schlechte Laune hat und rummault, wird sagen: „Na und? Was geht mich das an?“
Mich geht die Geschichte was an: Weil sie mich daran erinnert, wie wichtig es sein kann, aufmerksam zu sein – und auch einfach mal zu machen statt nur zu reden. So wie sich Isabella Grünewalt einfach mal aufs Rad gesetzt hat.
Es ist doch so: Wir wohnen Wand an Wand und kennen manchmal nicht einmal die Namen unserer Nachbarn. Wir nehmen ihre Pakete an und sehen sie dabei womöglich zum ersten Mal. Wir bestellen Essen per App, bezahlen an der Selbstbedienungskasse, arbeiten im Homeoffice. Vieles in unserem Leben funktioniert inzwischen wunderbar, ohne dass wir mit einem anderen Menschen sprechen müssen.
Aber manchmal ist es ein großes Glück, wenn unser Leben eben nicht vollkommen anonym funktioniert. Wenn der Nachbar merkt, dass die Rollläden ungewöhnlich lange unten sind. Wenn jemand nicht denkt: Wird schon nichts sein. Sondern klingelt.
Ich glaube, wir haben uns das Bitte-Nicht-Stören-Verhalten zu gut angewöhnt. Wir sollten wieder ein bisschen neugieriger aufeinander sein. Nicht die unangenehme Sorte: Was macht der denn da? Sondern die menschliche: Ist bei dem alles in Ordnung? Kann ich helfen?
Isabella Grünewalt hält sich übrigens nicht für eine Heldin – war doch selbstverständlich. Ich wäre gern Kundin in ihrer Bäckerei.
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