Nachgefragt bei Gynäkologin - Warum Frauen auch Testosteron brauchen
Viele Frauen fühlen sich über Monate müde, antriebslos und weniger belastbar. Oft werden Stress, Schlafmangel oder die Wechseljahre dafür verantwortlich gemacht. Doch laut der Frauenärztin und Hormonexpertin Dr. med. Heidi Gößlinghoff kann auch ein Hormon dahinterstecken, an das bei Frauen selten gedacht wird: Testosteron.
Das Hormon gilt zwar als typisch männlich, ist aber auch für den weiblichen Körper wichtig. Es unterstützt Muskelkraft und Knochengesundheit und beeinflusst die Körperzusammensetzung sowie Motivation, Konzentration und Wohlbefinden. Frauen produzieren zehn- bis zwanzigmal weniger Testosteron als Männer, dennoch ist es für die Gesundheit unverzichtbar.
Anders als Östrogen fällt Testosteron mit der Menopause nicht plötzlich ab. Nach Angaben der Expertin sinkt der Spiegel etwa ab dem 30. Lebensjahr langsam über viele Jahre. Nicht jede Frau bemerkt diese Veränderung gleichermaßen. Ob Beschwerden auftreten, hängt davon ab, wie empfindlich der Körper auf Hormone reagiert und wie diese zusammenspielen.
Ein möglicher Testosteronmangel zeigt sich meist nicht durch ein einzelnes Symptom. Viele Betroffene berichten über nachlassende Muskelkraft, einen steigenden Körperfettanteil, geringere Leistungsfähigkeit und längere Erholungszeiten nach Belastungen. Auch Konzentrationsprobleme, Antriebslosigkeit und depressive Verstimmungen können vorkommen. Häufig genannt wird außerdem eine nachlassende sexuelle Lust.
Die Beschwerden sind jedoch unspezifisch. Müdigkeit, geringe Belastbarkeit oder Libidoverlust können auch durch Schilddrüsenstörungen, Eisenmangel, Depressionen, chronischen Stress oder die Wechseljahre verursacht werden. Deshalb reicht ein einzelner Blutwert nach Angaben der Expertin nicht aus. Entscheidend ist das Gesamtbild aus Beschwerden, Laborwerten und Lebenssituation.
Bei nachgewiesenem Testosteronmangel kann in ausgewählten Fällen eine niedrig dosierte Testosterontherapie infrage kommen. Das betrifft vor allem Frauen nach den Wechseljahren mit ausgeprägtem Verlust der sexuellen Lust. Eine allgemeine Anwendung zur Steigerung von Energie oder Leistungsfähigkeit wird dagegen derzeit nicht grundsätzlich empfohlen.
Von frei verkäuflichen „Testosteron-Boostern“ rät die Expertin ab. Deren Nutzen sei wissenschaftlich nicht ausreichend belegt. Testosteron ist in Deutschland verschreibungspflichtig, eine Behandlung sollte deshalb nur nach ärztlicher Untersuchung beginnen.
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