Parentifizierung: Wenn Kinder die Rolle Erwachsener übernehmen
Für die gesamte Familie kochen, den Ehestreit schlichten und die jüngeren Geschwister erziehen - bei der destruktiven Parentifizierung übernehmen Kinder Aufgaben, die über ihr Entwicklungsstadium hinausgehen. Dies steht im Gegensatz zur adaptiven Parentifizierung, die Kinder durch zeitlich begrenzte, altersgerechte Aufgaben bei der Entwicklung der Selbstständigkeit unterstützt. Meist wird mit Parentifizierung jedoch die destruktive Form gemeint, die langfristig negative Auswirkungen auf das Kind haben kann.
Parentifizierung leitet sich von den lateinischen Wörtern "parentes" (Eltern) und "facere" (machen) ab. Kinder werden dabei in eine Fürsorgerolle gedrängt und die Generationengrenze zwischen Erwachsenen und Kindern verschwimmt. Es kommt zu einer Rollenumkehr und einer Überforderung des parentifizierten Kindes.
Es wird zwischen zwei Formen von Parentifizierung unterschieden: der emotionalen und der instrumentellen. Oft kommt es aber zu einer Mischform beider Arten. Die Fürsorge des parentifizierten Kindes kann bei allen Formen auf die Eltern und/oder andere Familienmitglieder, wie Geschwister, ausgerichtet sein.
Bei der emotionalen Parentifizierung unterstützen Kinder die emotionalen Bedürfnisse innerhalb der Familie. Sie schlichten beispielsweise Konflikte zwischen den Eltern, dienen als emotionale Stütze oder Vertraute. Manchmal werden sie dabei wie eine Art Partnerersatz behandelt. Im Fall einer Trennung der Eltern leiden einige parentifizierte Kinder an Loyalitätskonflikten. Sie unterdrücken zudem oft ihre eigenen Bedürfnisse und haben Schwierigkeiten Grenzen zu setzen. Auch Schuldgefühle treten häufig im Zusammenhang auf. Bei einigen Kindern kann diese Dynamik sogar zur Entwicklung eines Traumas führen.
Bei einer instrumentellen Parentifizierung übernehmen Kinder praktische Aufgaben im Haushalt. Dies kann verschiedene Pflichten beinhalten, wie die Betreuung jüngerer Geschwister, das Regeln des Haushalts oder die Pflege eines Elternteils. Diese Aufgaben übersteigen dabei ein altersgerechtes Maß an Zeit, Aufwand und Verantwortung.
Forschende fanden in einer Übersichtsarbeit Hinweise darauf, dass emotionale Parentifizierung schwerwiegendere Folgen hat als die instrumentelle Parentifizierung. Sie wurde öfter mit internalisierter Symptomatik, wie Depression oder Angst, und externalisierter Symptomatik, wie beispielsweise Drogenkonsum oder unsozialem Verhalten, in Verbindung gebracht.
Parentifizierung tritt ein, wenn Erwachsene ihre Aufgaben im Haushalt und der Erziehung nicht ausreichend ausführen können. Mögliche Ursachen dafür sind:
Als Folge delegieren Eltern Aufgaben an ihre Kinder. Dies kann bewusst oder unbewusst geschehen. In manchen Fällen kompensieren Kinder auch ohne Aufforderung die Defizite ihrer Eltern und übernehmen deren Pflichten.
In dem Versuch, die familiäre Stabilität beizubehalten, entwickeln Kinder bei einer Parentifizierung ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein und Perfektionismus. Sie nehmen die eigenen Bedürfnisse nur schwer wahr und äußern diese auch kaum.
Die ständige Überforderung führt oft zu (Versagens-)Ängsten und Erschöpfung.
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